1x1 der Vermögensverteilung

24. Sep 2021 | Blog

VON Alfred Kober

Unmittelbar zurück vom Grazer Business Lauf ist der Kopf zwar klar, der Körper allerdings müde. Zum Glück habe ich am Vorabend schon ein Thema vorbereitet, das ich trotz der kleinen Gemeinheiten seitens der jüngeren Kollegenschaft kurz beleuchten möchte. Dazu höre ich neben meinem Blog-Getippse die daneben sitzenden Kollegen, die sich immer noch über meine angeblich unüberhör- und -sehbare Schnappatmung während des Laufes lustig machen.

 

 

Gerade in der aktuellen Zeit, einer Phase der politischen Hochkonjunktur, wird immer wieder auf ein Thema hingewiesen, das sich ungemein gut positionieren lässt, die breite Masse mitreißt und im Tandem mit der allgemeinen Ungerechtigkeit und eigener Positionierung nur so flutscht. Ja, da muss etwas unternommen werden. Ich widme diesen kurzen Blog einer sehr oberflächlichen Beleuchtung der Verteilungsproblematik von Vermögen. Es ist an sich keine große Neuigkeit, dass sich wesentliche Teile der globalen Vermögen in den Händen weniger Personen befindet. Ein Faktum, dass uns seit vielen Jahrhunderten begleitet. Besonders Themen wie diese treiben immer wieder einen Keil in die Gesellschaft mit der Tendenz, dass in Stammtischmanier mit Halbwahrheiten argumentiert wird. Ich möchte kurz beleuchten, wie ausgeprägt Vermögenskonzentrationen sind und vor allem, wie sehr sich diese Problematik in den letzten Jahren verschoben hat. Hinsichtlich der ersten Frage kann ich auf folgende Graphik (Abbildung 1) verweisen, die das Ausmaß der Konzentration recht anschaulich aufzeigt.

 

 

1,1% der Weltbevölkerung hält 45,8% des globalen Vermögens. Zugegeben, das ist recht wenig bzw. recht viel, je nach Seite der Betrachtung.

 

Umgekehrt verfügen 55% der Weltbevölkerung über recht überschaubare Assets von weniger als 10tsd. USD. Das ist in der Tat sehr wenig, insbesondere in kaufkraftstarken Industrienationen. Beide Tails sind extrem – kein Zweifel. Auch regional sind die Gräben tief, sehr tief (Abbildung 2). Während Nordamerika mit knapp 500tsd. USD an Vermögen pro Person die Rangfolge anführt, ist Europa zwar an zweiter Stelle zu finden, allerdings mit rd. 175tsd USD pro Einwohner bereits weit abgeschlagen. Der afrikanische Kontinent bildet das Schlusslicht.

 

 

Die Verzerrungen durch die globale Geldflut der Notenbanken sind erheblich. Die letzte Spalte zeigt die Veränderung im Corona-Jahr 2020. Allein in diesen 12 Monaten sind die Vermögen in klassischen Industrieländern zwischen 5% und 10% angestiegen. Dass dabei die Wachstumsraten durch die erheblich positive Entwicklung der Aktienmärkte sowie der Immobilienpreise wesentlich mitbeeinflusst wurden, behaupte ich an dieser Stelle einfach. Besonders die USA glänzt derzeit mit einer historisch hohen Rate an Haushalten, die ihr Vermögen in Unternehmen investieren, nämlich in Aktien, und dadurch am Wirtschaftswachstum mitpartizipieren. Auf Dauer macht dies einen sehr großen Unterschied zu Geldern auf Sparkonten, die zurzeit Realwertverluste erleiden. Angesichts der geldpolitischen Situation sei die Sinnhaftigkeit klassischer Spareinlagen dahingestellt. Sicherlich, Aktienkurse kennen das Auf- & Ab und lösen immer wieder Wechselgefühle bei den Anlegern aus. Nichtsdestotrotz ist und bleibt das gut diversifiziert Aktienportfolio auf längerfristige Sicht unbestritten äußerst sinnvoll. Schwankungen (nicht Ausfälle!) sind als fester Bestandteil dieser Anlage miteinzuplanen.

 

Nun, im letzten Teil möchte ich noch kurz auf den historischen Verlauf der Konzentration eingehen. Ist die in den Graphiken dargestellte Situation nun wirklich so neu? Und, haben die zahlreichen politischen Akteure mit der Behauptung, die Konzentration laufe komplett aus dem Ruder, wirklich recht? Bei den Recherchen zu dieser Frage bin ich auf folgende Untersuchung der Credit Suisse (Abbildung 3) gestoßen. Dieser Vermögensreport ist im Übrigen sehr interessant und frei downloadbar.

 

 

Die Graphik bemisst die Konzentration am bekannten Gini-Koeffizienten, ein statistisches Maß zur Darstellung der Ungleichverteilung von 0 bis 100. Je höher, desto konzentrierter und ungleichverteilter die untersuchte Population. Entgegen aller Behauptungen ist auf globaler Ebene die Vermögenskonzentration in den letzten 20 Jahren gesunken. Erst in den letzten Quartalen, insbesondere im Umfeld der Extreminterventionen der Notenbanken, die wir momentan auf globaler Ebene erleben, sind Asset-Preise ungewöhnlich stark gestiegen. Profiteure sind Asset-Holder und eben nicht die Masse der Weltbevölkerung, die über überschaubare Geldvermögen verfügen. Der Verlauf der Kurven zeigt diese Entwicklung recht gut – auch mit unterschiedlicher Farbgebung der Vermögensklassen. Im Bereich der Top 1%, der Ultra-High-Net-Worth Individuals (UNWH) ist die Verteilung der Vermögen recht ausgewogen und hat sich in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich verändert. Die Graphik zeigt allerdings recht deutlich, dass der Unterschied zu den 5% oder auch 10% vermögendsten enorm ist. Allerdings, das Argument, dass sich die Situation in den letzten Jahrzehnten extrem verschlechtert hat, muss ich anhand des vorliegenden Zahlenmaterials entschärfen.

 

Die kurze Beschäftigung mit einem Thema zeigt einmal mehr, dass es mit der Wahrheit nicht immer so genau zugeht. Während ich definitiv nicht zu den Top 1% dieses Globus zähle, die sehr wahrscheinlich ganz andere Themen am Tisch haben, konnte ich eine schöne Veranstaltung mit sehr netten Kollegen verbringen (die im Übrigen bereits bei Nudeln und Getränk auf mich warten). In diesem Sinne werde ich meinen mittlerweile wieder etwas erholten Körper in Bewegung setzen und in Richtung Kollegenschaft laufen ähhh nein - marschieren.

Alfred Kober

 

Credit Suisse, Global wealth report 2021: [Download: 23.9.2021] https://www.credit-suisse.com/about-us-news/en/articles/news-and-expertise/global-wealth-report-2021-effects-of-covid-on-household-wealth-in-2020-202106.html

 

Visual Capitalist: [Download: 23.9.2021] 

 

https://www.visualcapitalist.com/distribution-of-global-wealth-chart/?utm_source=Visual

+Capitalist+Infographics+%28All%29&utm_campaign=9de90e324b-EMAIL_CAMPAIGN_3_25_2019_18_19_COPY_01&utm_medium=email&utm_term=0_31b4d09e8a-9de90e324b-43947921

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: alfred.kober@securitykag.at