50 Jahre später- und (fast) kein bisschen weiser?

15. Okt 2021 | Blog

VON Christina Kirisits

Beim Räumen im Bücherregal meiner Mutter bin ich vor Kurzem auf den sich seit dem letzten UN - Klimabericht wieder in aller Munde befindlichen Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit in einer Ausgabe von 1973 (!) gestoßen. In diesem Blog möchte ich daher einmal mehr auf die Bedeutung dieses Berichts, trotz all seiner sehr kontroversiell diskutierten Ergebnisse, eingehen.  Ich finde es immer wieder wert sich vor Augen zu halten, wie viele der heute angesprochenen Fakten und Szenarien schon vor 50 Jahren bekannt waren und welche Tendenzen sich bereits deutlich abgezeichnet haben, und dass wir alle- insbesondere aber die politischen Verantwortlichen- uns nicht darauf hinausreden können, es nicht gewusst bzw. kommen gesehen zu haben.

 

Allein schon der Titel: „Die Grenzen des Wachstums“! Die Autoren nahmen sich dafür die Entwicklung der Bevölkerung, Nahrungsmittelproduktion, Industrialisierung, Umweltverschmutzung und Ausbeutung von Rohstoffen vor. Da waren anscheinend schon damals die gleichen Spaßbremsen wie heute am Werk, die immer noch nicht verstanden haben, dass insbesondere Wirtschaftswachstum alle glücklich macht: die Produzenten, die Konsumenten und im besten Fall auch noch den Finanzminister. Hier zeigt sich auch gleich das große Dilemma des Berichts: es war ein Versuch, in einer Zeit, die geprägt war von technologischem Fortschritt, Erdölkrise und atomarer Bedrohung, den Fokus auf Fragen zu richten wie: Kann ein uneingeschränktes Wachstum der oben genannten Faktoren überhaupt von unserer Erde, wie sie physikalisch nun einmal beschaffen ist, verkraftet werden? Wie viele Menschen können auf ihr leben, bei welchem Wohlstand und wie lange? [Dennis Meadows u.a., Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972, S.35.]  Und diese Fragen mittels mathematischer Modelle und Simulationen zu konkretisieren und bestenfalls zu beantworten. Das in Zahlen gegossene Katastrophenszenario bot natürlich genügend Angriffsfläche für alle jene, denen die darin enthaltenen grundlegenden Wahrheiten unangenehm waren: Auf der einen Seite war der Anspruch der Autoren vorhanden, möglichst wissenschaftlich vorzugehen und greifbare Daten zu liefern, andererseits konnte so jedes Ergebnis triumphierend zerpflückt und die Methodik (was ja grundsätzlich legitim ist) hinterfragt werden. Dadurch wird erfolgreich davon abgelenkt, dass es schlussendlich egal war und ist, ob die 7 Mrd. Menschen auf der Erde erst 2011 und nicht schon wie im Bericht prognostiziert um die Jahrtausendwende erreicht worden sind. Ähnlich verhält es sich heute mit der Debatte darüber, ob jetzt 2, 3 oder 4 Grad Erderwärmung mehr zur Katastrophe führen. Diese Art von Diskussion über Zahlen verleitet leider oft zur Untätigkeit.

 

Anfang der 70er Jahre gab es zwar wesentlich mehr Datenmaterial zu wirtschaftlichen Faktoren wie Bevölkerungsentwicklung, Rohstoffressourcen etc. als zu den Auswirkungen ungehemmten Wirtschaftens auf die Umwelt, umso interessanter sind daher die im Bericht genannten Beispiele, an denen bestimmte ungünstige Verläufe bereits gut ersichtlich waren, wie der Abnahme des Sauerstoffgehalts der Ostsee oder der zunehmenden Blei- Konzentration in den Niederschlägen anhand von Schneeproben auf Grönland [Ebda., S.66 ff.]. Die Autoren stellten schon Fragen wie nach den Kosten der Umweltverschmutzung und ihrer Aufteilung nach dem Verursacherprinzip, und gaben bei all ihren Analysen auch zu, keine fertigen Lösungen anbieten zu können. Aber sie forderten sehr wohl von den Entscheidungsträgern ein, sich damit auseinander zu setzen. Trotzdem war während meiner Schulzeit in den 70er und 80er Jahren Umweltschutz erst ein Thema, als der „Saure Regen“ in unseren Wäldern nicht mehr zu übersehen war. Andererseits gab es noch keine T-Shirts um 14 Schilling und Flugtickets um 500 Schilling… auch wenn sich heute erfreulicherweise wesentlich mehr Menschen mehr leisten können, so haben sich andere Ungleichheiten verstärkt – und es geht ja eben auch um die Verhältnismäßigkeit. Und so kommt der Bericht zu dem Schluss, dass es einer „grundsätzlichen Änderungen der Wert- und Zielvorstellungen des einzelnen, der Völker und auf Weltebene bedarf… aber unsere herrschenden Traditionen, unsere Erziehung, unsere gewohnten Tätigkeiten und Interessen eine derartige Änderung zu einem sehr schmerzhaften und langwierigen Vorgang machen. Nur ein echtes Verständnis der Bedingungen, unter denen die Menschheit an diesem Wendepunkt der Geschichte steht, kann die notwendigen Triebkräfte frei setzen, welche die Menschen dazu bringen können, persönliche Opfer zu bringen (Anmerkung: schon damals wurde technologischer Fortschritt nicht als allein ausreichend angesehen) und die notwendigen Änderungen politischer und wirtschaftlicher Machtstrukturen anzuerkennen, um einen Gleichgewichtszustand zu erreichen…“ [Ebda., S.174]. “Er könnte so erreicht werden, dass die materiellen Lebensgrundlagen für jeden Menschen auf der Erde sichergestellt sind, und noch immer Spielraum bleibt, individuelle menschliche Fähigkeiten zu nutzen und persönliche Ziele zu erreichen.“ [Ebda., S.17] – dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

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