Die Schuldenwahrheit in Emerging Markets

12. Nov 2021 | Blog

VON Stefan Donnerer

Während es wahrscheinlich Jahre dauern wird, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sorgfältig aufarbeiten und einordnen zu können, so sind erste unmittelbare Auswirkungen bereits existent. So ist die Verschuldung von Schwellen- und Entwicklungsländern seit dem Ausbruch von COVID-19 auf ein Rekordhoch gestiegen. Während dieser Umstand allein schon problematisch genug wäre, zeigt ein neuester Bericht der Weltbank, dass die globalen und länderspezifischen Systeme zur Überwachung der Verschuldung äußerst unzureichend sind. Es zeigt sich, dass eine hohe Verschuldung und unzureichende Schuldentransparenz in armen Volkswirtschaften eng miteinander verknüpft sind. Grund für den massiven Anstieg der Staatsschulden sind die Finanzhilfen der Staaten, um die negativen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie abzumildern. Diese durch Krisenpakete induzierte Ausweitung der Schuldenquote hat auch dazu geführt, dass Rating-Agenturen auf die Verschlechterung der Staatsbilanzen reagiert haben. So hat beispielsweise die Rating-Agentur Fitch im Jahre 2020 insgesamt 32 Länder um mindestens eine Stufe in ihrem Credit-Rating abgestuft, was eine Rekord-Zahl an Downgrades in der jüngeren Vergangenheit darstellt.

 

 

 

Abbildung 1: Historische Länder-Rating Aktivität (Quelle: FitchRatings - www.fitchratings.com/research/sovereigns/sovereign-defaults-hit-record-in-2020-more-are-possible-08-06-2021)

 

Darüber hinaus gab es im vergangenen Jahr 2020 fünf Defaults – Argentinien (zweimal), Ecuador, Libanon, Suriname (zweimal) und Zambia. All diese Länder wiesen vor ihrem Zahlungsausfall ein schlechteres Rating als „B-“ auf. Derzeit weisen insgesamt 11 Staaten ein schlechteres Rating als ebendieses „B-“ auf.

 

Diese Schieflage führt dazu, dass immer mehr Entwicklungsländer versuchen, sich abseits vom Kapitalmarkt zu verschulden. Dies hat auch zur Folge, dass der in den 1950er Jahren gegründete „Pariser Club“ (Gremium als Vermittler zwischen staatlichen Gläubigern und in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Ländern) immer mehr an Bedeutung verliert und sich Staaten in Not anderweitig um eine Restrukturierung ihrer Staatsschulden bemühen. Vor allem China und private Geldgeber wie beispielsweise Vermögensverwaltungsfirmen und Rohstoffhandelsunternehmen stellen ihr Kapital den Entwicklungsländern zur Verfügung – allerdings meist zu sehr harten und zweifelhaften Konditionen. Zusätzlich bieten solche Vereinbarungen naturgemäß auch großen Raum für Korruption und Interessenskonflikte. Genau diese neue Form der Verschuldung wird seitens der Weltbank enorm kritisch gesehen, da die Offenlegung und Nachvollziehbarkeit dieser Vereinbarungen in den meisten Fällen nicht gegeben sind.

 

Für Aufsehen hat heuer beispielsweise der Bau einer Autobahn in Montenegro geführt. Diese wurde hauptsächlich von der chinesischen Staatsbank Exim finanziert. Die erste Rate für diesen Kredit wurde heuer im Juli fällig und wurde sofort zum Politikum, da Montenegro warnte, die Schuldenlast nicht bedienen zu können und öffentlich die EU um Hilfe gebeten hat. Bei Nichtzahlung des Kredites würde China als Kompensation das Eigentum von wichtiger Infrastruktur von Montenegro erhalten. Dies wäre nicht das erste Mal, dass China Eigentümer von Infrastruktur in Drittländern wird. So ist die Volksrepublik China Eigner des größten Hafens von Sri Lanka, Hambantota, nachdem Sri Lanka einen Kredit an chinesische Banken nicht tilgen hat können. Übrigens nicht der erste Hafen den China rechtmäßig besitzt – der Hafen von Piräus in Griechenland befindet sich seit 2016 ebenfalls im Staatseigentum von China.

 

Dadurch, dass bei Entwicklungs- und Schwellenländern somit oft nicht klar ist, wer wem wie viel – und vor allem zu welchen Konditionen – schuldet, wird dies immer mehr zum Problem für die Geldgeber aus den reichen Industrienationen. Bestes Beispiel für die intransparente Schuldenpolitik der Entwicklungsländer ist Mozambique im Jahre 2016. Hier wurde plötzlich bekannt, dass das Land über bis dato zwei unbekannte Staatsanleihen in der Höhe von 1,15 Mrd. US-Dollar verfügt. Das Bekanntwerden des verborgenen Schuldenbergs im Ausmaß von damals ca. 9 % des BIPs stürzte das Land in eine tiefe Rezession.

 

Diese besorgniserregende Entwicklung hat die Weltbank zum Anlass genommen, um die nationalen Systeme der Entwicklungsländer zur Überwachung ihrer Staatsschulden zu untersuchen. Das Ergebnis dieser Studie ist leider kein positives. So haben beispielsweise 40 % der Entwicklungsländer mit niedrigem Einkommen über zwei Jahre keine Daten mehr zum Stand ihrer Staatsverschuldung veröffentlicht. Darüber hinaus weisen die von den Ländern veröffentlichen Daten zu ihrer Staatsverschuldung, je nach Quelle und im Vergleich zu den Aufzeichnungen verschiedener Behörden, eine Diskrepanz von bis zu 30 % des jeweiligen BIPs auf. Zusätzlich haben 15 Länder ausstehende besicherte Schulden, wobei es keine offiziellen Angaben oder Statistiken zu den Besicherungen selbst gibt.

 

Die Weltbank gibt an, dass sich derzeit 44% der Schwellenländer mit niedrigem Einkommen in großer Gefahr befinden, in eine Schuldenkrise zu geraten. 12 % befinden sich bereits in einer solchen. Bestes Beispiel hierfür ist Argentinien, das derzeit mit dem IWF um ein Rettungspaket in der Höhe von 57 Mrd. US-Dollar verhandelt.

 

Angesichts der Tatsache, dass die Weltbank davon ausgeht, dass Entwicklungsländer im Zeitraum zwischen 2023 und 2025 mehr als 420 Mrd. USD benötigen, welche primär über die Begebung neuer Schulden gedeckt werden, würden von einer Verbesserung hinsichtlich der Schuldentransparenz nicht nur Investoren, sondern auch der Staat und deren Bevölkerung selbst davon profitieren. Der Staat bzw. deren Behörden im Hintergrund können basierend auf transparente und verlässliche Daten fundierte Entscheidungen hinsichtlich künftiger Kreditaufnahmen treffen. Investoren können anhand der Daten die Schuldentragfähigkeit der Länder besser verstehen und einordnen und Kredite folglich akkurat bepreisen. Die Bevölkerung der jeweiligen Länder bzw. die Zivilgesellschaft allgemein, kann durch adäquate Schuldentransparenz die Regierung für ihre aufgenommenen Schulden besser zur Rechenschaft ziehen und wirkt sich auch positiv auf Korruption aus.

 

Die konkreten Handlungs-Empfehlungen seitens der Weltbank zur Verbesserung der Schuldentransparenz stellen dabei eine überzeugende Basis dar, welche nun auch von den Ländern schnellstmöglich umgesetzt werden sollte. Diese stellen einen guten Ausgangspunkt für die aufstrebenden Volkswirtschaften dar, um sicherzustellen, dass auch die zukünftigen Herausforderungen, wie beispielsweise den sehr kapitalintensiven Klimawandel, bestmöglich bewältigen können. Um die Schuldentransparenz erhöhen zu können, bedarf es des Drucks der Investoren und der Bevölkerung, um den Reformwillen der zuständigen Behörden antreiben zu können.

 

Der Bericht unterstreicht somit, dass gerade im Bereich der Assetklasse von Emerging-Markets-Anleihen die Diversifikation hinsichtlich des Schuldnerrisikos von elementarer Bedeutung ist. Durch systematische Streuung der Investments kann das einzelne Ausfallsrisiko eines Emittenten reduziert werden.

 

Den ganzen Bericht der Weltbank finden Sie unter: https://documents1.worldbank.org/curated/en/743881635526394087/pdf/Debt-Transparency-in-Developing-Economies.pdf

 

Weitere Links zum Thema: https://www.handelsblatt.com/politik/international/internationales-finanzsystem-ein-puzzle-mit-vielen-fehlenden-teilen-weltbank-befuerchtet-schuldenchaos-in-aermeren-laendern/27786424.html

https://www.ft.com/content/ce0d1647-0bd7-4bb4-b787-d1301a8a3bc0

https://www.worldbank.org/en/topic/debt/publication/report-debt-transparency-in-developing-economies

https://www.handelsblatt.com/politik/international/internationales-finanzsystem-ein-puzzle-mit-vielen-fehlenden-teilen-weltbank-befuerchtet-schuldenchaos-in-aermeren-laendern/27786424.html?ticket=ST-3512210-fCP0c3ObRemeufT0C96F-cas01.example.org

https://www.fitchratings.com/research/sovereigns/sovereign-defaults-hit-record-in-2020-more-are-possible-08-06-2021

https://www.zeit.de/2021/17/montenegro-china-europa-schulden-autobahn-handelsroute

https://www.handelsblatt.com/politik/international/staatsfinanzen-weltbank-warnt-vor-neuer-schuldenkrise-nach-der-pandemie/27695564.html?ticket=ST-3512212-rsjjjJTvxmFYiTXYBdSU-cas01.example.org

 

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