Die Krux mit der Nachhaltigkeit

11. Feb 2022 | Blog

VON Laura Lemle

Die Nachfrage von der Marktseite für nachhaltige Produkte ist enorm. Wie kann aber eine Fondsgesellschaft gewährleisten, dass alle Unternehmen in einem ESG-Portfolio wirklich nachhaltig sind, wenn die Datenanbieter selbst auch nur Schätzungen anbieten können? 

 

Ein neues Phänomen ist geboren in der Fondsindustrie: die Nachfrage nach nachhaltigen Fondsvarianten steigt an, der Regulierungsgrad ist immer genauer und spezifischer während die dazugehörige Datenlage genau genommen oft nicht hinreichend gegeben ist, beziehungsweise teilweise gar nicht existiert. FondsmanagerInnen stehen seit Jahren schon vor der großen Herausforderung eine vertrauenswürdige Nachhaltigkeitsdatenbasis für ihre ESG-Portfolios zu finden. 

 

Was für Daten bieten Nachhaltigkeitsdatenanbieter an? 

 

Die Anzahl der Nachhaltigkeitsdatenanbieter ist in den letzten Jahren exponentiell angestiegen und das trotz der vielen Zusammenschlüsse von kleineren Datenanbietern. Datenanbieter sammeln Informationen aus mehreren Quellen (Unternehmenswebseite, Presse, Interviews, Reports, usw.) zusätzlich werden —um die hohen Anforderungen gerecht zu werden— Nachhaltigkeitswerte ausgehend von verschiedenen Indikatoren über ein Unternehmen näherungsweise bestimmt, um diese unter anderem für Portfoliomanagern bereitzustellen. Die Erwartungshaltung ist, dass die Daten von den verschiedenen Nachhaltigeitsdatenanbietern sehr ähnlich sind und zum Beispiel die ESG-Ratings sogar miteinander korrelieren. Aufgrund der approximativen Berechnung ist dies jedoch eine illusorische Erwartung. Eine Studie zu diesem Thema kam zu folgenden Ergebnis: ESG-Ratings von den sechs größten ESG Ratinganbietern korrelieren durchschnittlich nur zu 0,61. Zum Vergleich, Kreditratings zeigen untereinander eine Korrelation von 0,99. Weitere Untersuchungen haben aber in der Zwischenzeit erwiesen, dass oftmals für die unterschiedlichen Nachhaltigkeitsratings die verschiedenen Gewichtungen der Nachhaltigkeitsaspekte und differenzierende Ratingmethodologien verantwortlich sind. Die oben genannten Diskrepanzen der Ratings verursachen selbst bei den bewerteten Unternehmen für Verwirrung, da sie teilweise nicht mehr klar wissen, in welchen Bereichen sie sich verbessern sollen um einerseits “nachhaltiger“ zu werden und anderseits bei den Ratingagenturen besser darstellen zu können. In einen weiteren interessanten Artikel kritisieren Experten stark die Datenqualität, worauf die Nachhaltigkeitsratings basieren. Laut Experten sind etwa 90 % der Daten zurzeit geschätzt. Dieses Faktum lässt auf die Schlussfolgerung schließen, dass Nachhaltigkeitsratings bzw. Nachhaltigkeitsdaten noch nicht genug ausgegoren sind und noch viel Potential für Verbesserungen aufweisen. Dutzende Fonds, Finanzinstrumente und Nachhaltigkeitslabels nutzen die oben genannten geschätzten Daten und viele Investoren treffen tagtäglich wichtige finanzielle Entscheidungen basierend auf diesen approximierten Daten. 

Gibt es eine Lösung für die herrschende Situation?

 

Mit der Richtlinie der NFRD (Non-Financial Reporting Directive) hat die Europäische Union schon die ersten Schritte Richtung vertrauenswürdige Nachhaltigkeitsdaten getätigt. Durch die Verordnung müssen Großunternehmen, mit einer Mitarbeiteranzahl über 500, jährlich ein Nachhaltigkeitsreport mit wichtigen Nachhaltigkeitskennzahlen veröffentlichen. Das Problem bei dieser Regulierung wurde schnell erkannt. Mit der Veröffentlichungspflicht erst ab 500 Mitarbeiter fallen wenig Personalintensive Unternehmen, wie zum Beispiel auch börsennotierte Unternehmen aus der IT-Branche weg. Die erste Überarbeitung —die sogenannte CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) — löst das Problem mit der Neuregulierung der Berichtspflicht (Reportingspflicht ab 250 Mitarbeiter, ab Bilanzsumme >20M€ oder Umsatz>40M€), wodurch in der Zukunft viel mehr Unternehmen einen nicht-finanziellen Report erstatten müssen.   Somit stehen viel mehr Informationen für Datenanbieter und Anlagegesellschaften zur Verfügung.

 

In der NFRD wurde die Prüfung von veröffentlichten Nachhaltigkeitsdaten nicht exakt geregelt, im Vergleich dazu schreibt CSRD schon eine unabhängige Prüfpflicht vor. Die Kontrolle führt dazu, dass die Daten vertrauenswürdig und präzise erfasst werden.

 

Bietet das Pflichtreporting wirklich eine gute Lösung für das Datenproblem?

 

Die Regulierung erleichtert die Informationsbeschaffung für die Nachhaltigkeitsanbieter und gewährleistet gleichzeitig eine bessere Datenqualität. Durch das Reporting brauchen sich Datenanbieter nicht mehr auf Schätzdaten verlassen, sondern können die Daten direkt vom Unternehmensreport beschaffen. Ob diese Regulierung wirklich eine Lösung bietet und wie gut es umgesetzt werden kann, stellt sich erst in der näheren Zukunft heraus. 

 

Nachhaltigkeit ist kein Trend mehr, sondern ein neuer Standard. Nachhaltige Unternehmen genießen monetäre Vorteile aufgrund des besseren Standings am Kapitalmarkt, während andere teilweise ausgeschlossen werden. Die Entscheidung wohin das Volumen fließt, liegt in den Händen von Nachhaltigkeitsdatenanbietern und Asset Managern, die diese Daten nutzen. Datenanbieter haben damit aktuell eine sehr große Macht in ihrer Hand. Die Fondsindustrie und allgemein die nachhaltige Finanzierung wird mit der neuen CSRD wesentlich regulierter und kontrollierter, was zu einer realitätsbasierten und besseren Datenzukunft führen wird.

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: laura.lemle@securitykag.at