Japan startet einen erneuten Versuch!

18. Feb 2022 | Blog

VON Alfred Kober

Für international ausgerichtete Investoren ist der japanische Kapitalmarkt aufgrund der Interventions-/Niedrigzinspolitik sowie der schleppenden Aktienkursentwicklung weitestgehend vom Zielradar verschwunden. Schade, eigentlich waren es häufig japanische Unternehmen, die in den 1970iger und 1980iger Jahren globale Mitbewerber aufgrund der technologischen/prozessualen Überlegenheit vor sich hertrieben. 

 

Wie so oft liegt Glück und Unglück nahe beieinander. Zyklen endeten recht häufig in Übertreibungen und so folgte der Blasenbildung an den lokalen Aktienmärkten zum Ende der 1980iger Jahre auch ein jäher Niedergang. Bis zum heutigen Zeitpunkt hat sich das Land und dessen Kapitalmärkte von diesem Verfall nicht richtig erholen können. Die Blase vor mehr als 30 Jahren platze nicht mit einem lauten Knall. Viel mehr entschied man sich für ein möglichst kontrolliertes Deflationieren der Übertreibungen. Dieses langsame „Luft-rauslassen“ mit allen negativen Konsequenzen hat sich in den letzten Jahrzehnten verfestigt und Investoren haben nunmehr kaum noch positive Assoziationen mit japanischen Veranlagungen. Dies ist absolut nachvollziehbar, denn ein diversifiziertes japanisches Aktieninvestment zur falschen Zeit getätigt, rentiert auch nach 30 Jahren immer noch tief im Minus. Wer kann da schon zufrieden sein – wer hat da noch Lust zu investieren? Schon allein diese verbreitete, negative Grundstimmung lohnt einen näheren Blick. Immerhin zählt die dicht besiedelte pazifische Insel zu den größten Volkswirtschaften dieser Welt. 

 

Es war eine reine Erfolgsstory, die der japanische Aktienmarkt in den 1970/80iger Jahren hinlegte – im Grunde genommen in den 40 Jahren nach dem Kriegsende (WW II). In der Zeit von 1950 bis Anfang 1990 verzeichnete der japanische Aktienindex einen Kursanstieg von ca. 100 Indexzählern auf knapp 39.000 (Abbildung 1). Dies entspricht einer jährlichen Rendite 15,8 % über 4 Jahrzehnte – Dividendenzahlungen sind in dieser Renditerechnung nicht berücksichtigt! Parallel dazu stiegen auch die Immobilienpreise in wahrlich luftige Höhen. Nach dem Plaza-Abkommen im Jahre 1985 suchten Investoren nach Alternativen zum US-Dollar, die diesen Run immer weiter befeuerten.

 

 

Auch ich kann mich noch vage an einen Vergleich erinnern, indem die Bewertung eines Wolkenkratzers in Tokyo mit dem Wert der gesamten Manhattan-Halbinsel in (NYC) in Bezug gebracht wurde. Steigende Preise ziehen die Kauflust magisch an – die Psychologie der Menschen ändert sich eben nicht. Es wanderten Unsummen an ausländischem Kapital in den japanischen Kapital- und Immobilienmarkt. Bis eben diesem die Luft ausging – überteuerte Immobilien dienten als Sicherstellung für Kredite und schon ein kleiner Auslöser genügte in Situationen wie diesen, dem Aufschaukeln der Preisspirale ein jähes Ende zu setzen.

 

In dieser Zeit waren japanische Aktien das Maß aller Dinge, dem sich kaum jemand entziehen konnte. Im nach Börsenwert ausgerichteten Weltaktienindex erreichte die Gewichtung japanischer Aktien beinahe 50 %. Der realwirtschaftliche Anteil (BIP an der Weltvolkswirtschaft) lag bei einem Bruchteil davon.

 

Nach dem Platzen der Blase in Japan und ähnlich der Zeit Anfang der 1930iger Jahre in den USA, verzeichnete der Aktienmarkt in kurzer Zeit einen Rücksetzer von 80 %. Die wirtschaftspolitische Elite entschied sich nicht für eine harte Bruchlandung, die mit einem massiven Ausfall und erheblichen konjunkturellen und sozialpolitischen Störungen verbunden gewesen wären, sondern für eine zähe Fusions- und Interventionspolitik.

 

Die Bereinigung dauert nun seit Jahrzehnten an. Eine bittere Zeit für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und eine extreme Durststrecke für Investierende. Seit 1994 hat sich das BIP/Kopf in Japan nicht erhöht (dzt. ca. 41tsd. USD), während dieses am Beispiel Österreich von 25,6tsd. auf ca. 50tsd. USD (Weltbank, 02/2022) gestiegen ist. Der Finanzsektor ist massiv geschrumpft, Zinsen und Anleiherenditen sind seit vielen Jahren, länger als hierzulande, nicht mehr existent und die massiven Überbewertungen am Aktienmarkt haben über die Zeit hinweg sukzessiv abgenommen. Abbildung 2 veranschaulicht den Verlauf des über 10-Jahre gemittelten Kurs-/Gewinnverhältnisses japanischer Aktien im Vergleich zu europäischen bzw. zu US-Aktien.

 

 

So, wie in Zeiten der Übertreibung steigende Preise Kapital anziehen, so ist in anhaltenden Perioden stagnierender Preise, gegenteiliges der Fall. Wer ist heutzutage noch verstärkt am japanischen Aktienmarkt investiert?. Mit 6 % hat die Gewichtung im Weltaktienindex beinahe schon eine vernachlässigbare Größe erreicht und liegt damit auch deutlich unter dem realwirtschaftlichen Anteil am Welt-BIP. Der gesamte Wert japanischer Aktien ist nun bereits kleiner als die Summe aus Apple + Microsoft + Alphabet. Da frag ich mich, ob das Pendel möglicherweise nun bereits massiv in die Gegenrichtung ausgeschlagen ist?

 

Warum schreibe ich eigentlich über dieses Thema? Nun, weil sich die Politik in Japan erst unlängst zur größten Überarbeitung bzgl. Börse und Börsengesetz seit 60 Jahren entschieden hat. Das zu einer Zeit, in der die Bewertung des Aktienmarktes niedrig ist und rd. die Hälfte der Unternehmen unter dem Buchwert notiert. Letzteres impliziert, dass vom Management nicht eine Erhöhung, sondern eine Zerstörung von Firmenwerten eingepreist ist – aus meiner Sicht ist dies wenig nachvollziehbar. Genau da kommt die gesetzliche Überarbeitung ins Spiel, die für das wichtigste/größte Börsensegment mehrere Neuerungen vorsieht. Diese zielen insbesondere darauf ab, die für Japan typischen in sich verkorksten Strukturen aufzubrechen. Die Abschottungs- und Verschachtelungspolitik hat das ganze Wirtschaftssystem langsam und träge gemacht.

 

Unternehmen, die dem künftigen Hauptsegment an der Börse angehören wollen (Prime-Segment) müssen für externe Einflüsse/Stakeholder offener werden. So sollen lt. Wall Street Journal dem Board (Leitungs-/Kontrollgremium) künftig zumindest 1/3 unternehmens-unabhängige Mitglieder angehören. Zumindest 35 % der ausstehenden Aktien müssen sich im Free-Float befinden. Zudem erfordern die neuen Vorgaben eine laufende Kommunikation mit Aktionären in englischer Sprache. All die Maßnahmen lassen einen zunehmenden Grad an Aktionärsaktivismus erwarten.

 

Ob die beschriebenen Liberalisierungsschritte Früchte tragen und der helle Schein am Aktienmarkt im Land der aufgehenden Sonne zurückkehrt, wird sich zeigen. Nach einer beispiellosen Durstrecke scheinen sich jedenfalls die Vorzeichen dafür zunehmend zu verbessern – es bleibt spannend!

 

Alles Gute,

Alfred Kober

Referenzen:

Wall Street Journal, Download: [17.2.2022]

Weltbank, Download: [17.2.2022]

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: alfred.kober@securitykag.at