The Shortconomy II – Die Rückkehr der regionalen Lieferketten

01. Apr 2022 | Blog

VON Benjamin Fauster

Mark Twain, geboren im Jahr 1835 als Samuel Langhorne Clemens und verstorben im Jahr 1910, hat sich bereits zu Lebzeiten über die frühe Globalisierung seine Gedanken gemacht und diese kritisch hinterfragt. Dieses Thema, speziell die anhaltende Problematik mit den weltweiten Lieferketten, möchte ich in meinem heutigen Blog nochmals aufgreifen und zu Beginn ein Zitat des berühmten amerikanischen Schriftstellers bemühen: „Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“. 

 

Dieser schlaue Satz schlägt die Brücke zu meinem ersten Beitrag vom letzten November zum Thema Lieferengpässe. Dort habe ich im Einklang mit einschlägigen Supply-Chain-Experten einen solchen Blick in die Zukunft gewagt und den Februar 2022 als einen möglichen Zeitpunkt für eine Entspannung der Lage genannt. Die prognostizierte Entschärfung blieb bekanntlich aus, vielmehr spitzt sich aufgrund des Ukraine-Kriegs und der weitreichenden Wirtschaftssanktionen die Situation nochmal erheblich zu.

 

Mit voller Kraft retour

 

Nach der Corona induzierten Vollbremsung der Globalisierung und einem teilweisen Kollaps der weltweiten Lieferketten war zumindest eine gewisse Zuversicht vorhanden, dass die Normalität zu einem gewissen Grad wieder einkehren wird. Mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine können diese Hoffnungen wohl endgültig begraben werden. Eine Deglobalisierung und damit ein Rückgang des Handels zwischen dem Westen und Russland bzw. China wurde bereits eingeläutet. Während die „Großmächte“ immer weiter auseinanderdriften, ist ein noch nie dagewesener Schulterschluss der westlichen Staaten zu beobachten.

 

Lange Zeit haben Staaten und Unternehmen den Fokus bei der Produktion und den Zulieferern auf niedrige Kosten gelegt und erhebliche Lieferzeiten sowie geringe Agilität in Kauf genommen. Mittlerweile steht die Resilienz der Lieferkette und damit eine Verlagerung von Produktionsstätten aus Schwellenländern zurück in Industriestaaten im Vordergrund. Der Grund liegt auf der Hand – eine kürzere und überschaubare Lieferkette ist weniger anfällig für Störungen und die damit einhergehende Reduktion des CO2-Ausstoßes unterstützt die Unternehmen dabei, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Zusätzlich kann am Markt bei erhöhter Agilität schneller auf Kundenwünsche reagiert werden. Häufig müssen regionale Zulieferer jedoch erst gefunden oder mühsam aufgebaut werden. Asiatische Produzenten könnten dabei mit langfristigen Verträgen und staatlichen Beihilfen nach Europa gelockt werden.

 

Der Staat mischt mit

 

Immer intensiver greifen die Regierungen dieser Welt auch dahingehend in das Geschehen ein, um regionale Produktionen in den jeweiligen Ländern zu forcieren. Probate Mittel sind dabei günstige Kredite oder Subventionen auf der einen Seite und Zölle auf der anderen Seite. Trotz dieser Hilfestellung gibt es für viele Unternehmen noch bedeutende Hindernisse bei dieser Rückholaktion. Vor allem die Verfügbarkeit lokaler Lieferanten im Hinblick auf Preise, Volumina und Flexibilität sowie der begrenzten Bereitschaft der Kunden, Kostensteigerungen zu tragen, spielen eine große Rolle. 

 

Zudem darf die Komplexität im Management regionaler Lieferketten nicht unterschätzt werden. Für Unternehmen kann es oft wesentlich einfacher sein die Produktion an einen spezialisierten Auftragsfertiger im fernen Osten zu übergeben als sich vor Ort um alle Schritte kümmern zu müssen. Selbst wenn ein neues Werk in Europa errichtet wird, sitzen die Zulieferer nach wie vor am anderen Ende der Welt steigert das kaum die Resilienz der Lieferkette. Eine Erhöhung der Lagerbestände ist eine Möglichkeit Lieferzeiten und eventuelle Schwierigkeiten abzufedern, bindet jedoch Working Capital und ist damit nicht möglich oder zumindest häufig unerwünscht. Langfristig sollten aus diesem Grund möglichst viele Komponenten von lokalen Lieferanten bezogen werden. Unternehmen befürchten dabei einen Anstieg der Produktionskosten, welchen die Kunden nicht bereit sind zu tragen. Hier lohnt sich jedoch ein zweiter Blick.

 

Fernost vs. Europa

 

Für Unternehmen heißt es im Zuge der Reevaluierung der Lieferketten nochmal den Rechenstift anzusetzen. Die Lohnkosten in den küstennahen Regionen Chinas beispielsweise steigen aktuell jährlich um 10-15 % und gleichen sich somit rasant dem Niveau Osteuropas an. Des Weiteren diskutiert die Europäische Union bereits lange über die sogenannte Carbon Border Tax. Dabei sollen Waren, welche unter klimaschädlichen Bedingungen hergestellt wurden, empfindlich teurer werden. Dadurch könnte sich eine weitere Dynamik zugunsten einer stärkeren Regionalisierung entwickeln. Für viele Unternehmen und Branchen lohnt sich somit eine Rückholung der Produktion früher als erwartet.

 

Eine genaue Prüfung des Kosten-Nutzen-Faktors sowie eine Analyse des Wachstumspotenzials ist jedoch unabdingbar, bevor globale Lieferketten vorschnell aufgebrochen werden. Es ist jedenfalls zu begrüßen, wenn Unternehmen Produktionsstandorte und das dafür notwendige Know-how diversifizieren und bei der Gelegenheit in moderne Technologien investieren.

 

Prognosen sind schwer

 

Eine Beruhigung der Lage ist aktuell nicht in Sicht, zu unsicher ist die derzeitige Lage zumal neben dem Ukraine-Krieg die Pandemie nach wie vor nicht beendet ist. Aus diesem Grund werde ich mich mit einer Prognose diesmal zurückhalten. 

 

Die Rückholung der Lieferkette und vieler Prozesse ist jedenfalls aufgrund der weltweiten Ereignisse und Krisen für die meisten Unternehmen unausweichlich. Manager müssen schnell handeln und dennoch weitsichtige Entscheidungen treffen. Vor allem für global agierende Unternehmen bedeutet das viel Arbeit sowie Investitionsbedarf und damit ein weiterer Tropfen im Fass hoher Inflationsraten. 

 

Eine Schockstarre ist im Angesicht unzähliger bedrohter Arbeitsplätze aktuell nicht angebracht denn es gilt: „Das Geheimnis des Erfolgs ist es anzufangen“ – Mark Twain.

 

Quellen:

Harvard Business manager, Januar 2022

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: benjamin.fauster@securitykag.at