Und plötzlich doch ganz anders!

06. Mai 2022 | Blog

VON Alfred Kober

„Ich kann nicht mehr“. Mit Sicherheit gingen diese Worte dem einen oder anderen Teilnehmern der gestrigen Laufveranstaltung in der Grazer Innenstadt öfters durch den Kopf – ich nehme mich dabei nicht aus.

 

So ähnlich, jedoch in einem ganz anderen Kontext muss es wohl der deutschen BaFin, dem Pendant zur österreichischen Finanzmarktaufsicht FMA, und deren Stakeholder ergangen sein. In dieser Woche verkündete die deutsche Aufsicht, dass sie ihre Richtline zur Einstufung nachhaltiger Fonds auf unbestimmte Zeit verschoben hat (BaFin). Angesichts dessen, dass die Finanzindustrie seit Jahren eher mit einem Mehr als mit einem Weniger an Regularien konfrontiert ist, sind das meines Erachtens schon Big News.

 

Dass die Umsetzung nachhaltiger Kriterien in der Finanzmittelveranlagung von vielen Investoren sehr kontrovers gesehen wird, ist an sich nicht neu. Nicht genug damit, dass die Einstufung seitens der EU-Kommission von Gas und Atomenergie als grüne Energieformen die Wogen zu Jahresbeginn hochgehen ließ, so hat nun der Überfall Russlands auf die Ukraine die Sachlage komplett auf den Kopf gestellt.

 

Der nächste Winter klopft in einigen Monaten an die Tür und ein Stopp der Gaslieferung hätte fatale Folgen, für uns und unsere Industrie. Aus meiner Sicht verständlich, dass sich angesichts dieser Situation Prioritäten verschieben. Regulatorische Stolpersteine, auch wenn diese nur die Bereiche Transparenz und Einstufung von Finanzprodukten und Veröffentlichungspflichten betrifft, sind der Kapitalausstattung der Unternehmen zumindest nicht förderlich.

 

Die Sicherheit der Energieversorgung hat derzeit Vorrang. Das ist in der aktuellen Situation nur allzu verständlich und gilt für Deutschland ebenso wie für Österreich. Die Ausstattung an ausreichend Kapital für ein ordentliches Funktionieren der Unternehmen, die just in diesem Moment für ein Mehr an Versorgungssicherheit sorgen, ist unumgänglich. In dieser heiklen Situation sind aus meiner Sicht regulatorische Hürden, in welcher Form auch immer, absolut fehl am Platz. Zugleich hoffe ich, dass das Zeitfenster der aktuellen Ausnahmesituation vor allem auch dazu genutzt wird, noch stärker als bisher an einer Strategie zur möglichst autonomen und ökologisch sauberen Energieversorgung zu arbeiten, sowie den Weg der Umsetzung auch möglichst konsequent und pragmatisch zu gehen.

 

Ich hoffe zutiefst, dass sich die furchtbaren kriegerischen Eskalationen in der Ukraine schnell wieder beruhigen. Allerdings hege ich zugleich ebenso leise Befürchtungen, dass wir in einem solchen Szenario wieder recht schnell zur „alten“ Tagesordnung zurückkehren. Ich appelliere an alle Entscheidungsträger, die letzten Wochen als Wake-Up-Call zu sehen, Verantwortung zu übernehmen und strategische Weichen für eine bessere, ökologisch gute und möglichst autonome Versorgungssicherheit zu stellen. Nur so gewährleisten wir ein solides Fundament für unsere Kinder und ein weiteres Prosperieren unseres Landes.

 

Referenzen: BaFin, Kohl M., Die Stabilität des Finanzsystems [6.5.2022]: https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Reden/re_220503_jahrespressekonferenz2022.html

 

Hier können Sie den Verfasser gerne kontaktieren: alfred.kober@securitykag.at