
21. September 2026
Ein Schwarm kommt selten allein – Spannendes Schwarmverhalten bei Tier und Mensch
Die scheinbar stille Übereinkunft, mit der sich Tausende von Vögeln oder Fischen in einem Schwarm synchron bewegen, hat die Menschen seit jeher fasziniert und dazu bewegt, diese zu erforschen: Hier bietet das Tempelhofer Feld in Berlin, seit der Schließung des Flughafens 2008 mit 350 ha die größte innerstädtische Freifläche der Welt, die perfekte Umgebung, um das Schwarmverhalten von Vögeln und Insekten zu beobachten: Große Schwärme von Staren, finden hier ihr Sommerquartier und sammeln sich im Herbst, um gemeinsam in den Süden zu fliegen. Dabei überqueren sie nicht immer das Mittelmeer, sondern verbringen milde Winter u.a. auch in Italien, wo der Physik-Nobelpreisträger Giogio Parisi in Rom ihr Schwarmverhalten wissenschaftlich untersucht hat. Seine Erkenntnisse und ihre Umlegung auf andere ungeordnete komplexe Systeme kann man in „Der Flug der Stare“ nachlesen.
Das Schwarmverhalten hilft Tieren beispielsweise bei der Nahrungssuche, bei der Abwehr von möglichen Fressfeinden und bei der Wahl der effizientesten Flugroute. Das komplexe System ist mehr als die Summe der einzelnen Eigenschaften der Individuen. Nach dem Prinzip der Emergenz befolgt das Individuum einfache lokale Regeln, durch die im Schwarm aber völlig neue, komplexere Eigenschaften und Muster entstehen. Diese Regeln orientieren sich hauptsächlich an den unmittelbaren Nachbarn der Tiere: sich in der Mitte der Nachbarn zu bewegen (Kohäsion), einen bestimmten Abstand zu ihnen einzuhalten (Separation) und sich in etwa in dieselbe Richtung zu bewegen (Alignment).
Wenn wie im Fall der Stare z.B. ein am Rande des Schwarms fliegendes Tier einen Wanderfalken bemerkt, so gibt es diese Information mit der Änderung seiner Flugrichtung als Impuls an seine unmittelbaren Nachbarn weiter, diese reagieren darauf und die Information „fließt“ durch den Schwarm. Es gibt hier keine Leittiere, sondern jedes Tier kann je nach Situation im Sinne eines „dynamic leadership“ die momentane Führung übernehmen. Wobei die Entscheidungsfindung im Schwarm über das sogenannte „Quorum“ definiert wird, nämlich den Schwellenwert an Individuen, die das gleiche Verhalten zeigen, damit der ganze Schwarm folgt.
Sind diese Prinzipien schon bei Tieren höchst interessant, so gilt diese umso mehr für die Umlegung auf menschliche Verhaltensweisen: welche Mindestabstände versuchen wir in Menschenansammlungen einzuhalten oder welches Quorum benötigt es, um kollektives Verhalten auszulösen, im positiven (Rettungskette) wie auch im negativen Sinne (Bei Rot über die Straße zu gehen, eine Absperrung zu durchbrechen, ..). Forschungsergebnisse von Verhaltensbiologen wie John Dire und Jens Krause können hier helfen, Menschenströme zu leiten und Verkehrsströme zu lenken, um z.B. Panik oder Staus zu vermeiden.
Man nehme eine typische Situation am Flughafen: Nach der Landung steigt man aus dem Flugzeug und vorab kennt man sich nicht aus. Aber einige aus der Gruppe gehen zielgerichtet voran – alle anderen folgen in dem Vertrauen, dass die anderen Bescheid wissen. Das sind dann Konsensentscheidungen, von einer Minderheit herbeigeführt werden.
Laut den Forschern geschieht das Ganze keinesfalls undemokratisch, denn jeder, der Informationen hat, kann eine Führungsrolle übernehmen. Schwarmintelligenz zeigt sich, weil im Schwarm viel mehr Informationen genutzt werden können, als man als einzelner sammeln könnte.
Die andere Seite der Medaille ist natürlich, dass das Wissen um diese menschlichen Verhaltensweisen lange vor ihrer wissenschaftlichen Bestätigung zu Missbrauch und Manipulation geführt hat, was aber heute in Zeiten von Social Media durch deren Struktur extrem verstärkt wird, wobei der Algorithmus die Führungsrolle übernimmt: Man orientiert sich an den Likes der anderen, die Filterblase ist der Schwarm, der sich durch ständige Spiegelung der eigenen Meinung vereinheitlicht und/oder radikalisiert, und man die individuelle Verantwortung an das Netzwerk abgeben. Hier kann aus Schwarmintelligenz Schwarmdummheit werden.
Last but not least sind natürlich auch die Finanzmärkte ein Paradebeispiel für menschliches Schwarmverhalten: Viele MarktteilnehmerInnen kaufen oder verkaufen gleichzeitig in dieselbe Richtung, was zu starken, auch verzerrenden, Marktbewegungen führen kann, wobei die Gründe unterschiedlich sind.
Wenn viele Marktteilnehmer aufgrund bestimmter fundamentaler makro- oder mikroökonomischer Daten bzw. deren Veränderung ähnlich handeln, spricht man von „Spurious Herding“. Der einzelne Fonds- bzw. PortfoliomanagerIn steht mit vielen anderen vor ähnlich gelagerten Entscheidungsproblemen, und die vorhandenen Informationen implizieren ähnliche Lösungen. Schwarmverhalten in diesem Sinne ist per se nicht negativ zu beurteilen, sondern grundsätzlich effizient, weil die Entscheidungen auf Basis von Fakten erfolgen. Vielmehr ist das Schwarmverhalten hier tatsächlich eher im weiteren Sinne zu sehen, weil die Informationsweitergabe zwischen den einzelnen Marktteilnehmern für das Schwarmverhalten eigentlich eine untergeordnete Rolle spielt.
Dem gegenüber steht das „Intentional Herding“, bei dem sich MarktteilnehmerInnen ausschließlich an den Investitionsentscheidungen anderer MarktteilnehmerInnen orientieren, was zwangsläufig zu mehr Labilität der Finanzmärkte führt. Das Schwarmverhalten führt hier sowohl für das Individuum als auch für den gesamten Schwarm tendenziell zu suboptimalen Ergebnissen.
In jedem Fall – egal ob auf persönlicher oder gemeinschaftlicher Ebene- kann das Wissen um menschliches Schwarmverhalten und seine Berücksichtigung sinnvoll sein- egal ob für den nächsten Like oder die künftige Investitionsentscheidung. Und natürlich können wir auch diesen Herbst den eleganten Flug der Stare gegen Süden bewundern.
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