
31. August 2026
Je mehr sich ändert, desto mehr bleibt alles beim Alten
Jean-Baptiste Alphonse Karr (1808-1890), 1849
Die Geschichte der Finanzmärkte ist voller Superstars, die glaubten, schlauer zu sein als alle anderen und irgendwann feststellen mussten, dass die Börse selbst die größten Genies demütigen kann.
Ein jüngstes Beispiel ist Leopold Aschenbrenner. Sein auf künstliche Intelligenz (KI) ausgerichteter Hedgefonds Situational Awareness legte in diesem Jahr um 270 % zu und erreichte in der Spitze ein verwaltetes Vermögen von rund 45 Milliarden US-Dollar. Damit aber nicht genug: Für jeden investierten Dollar erhöhte Situational seinen Einsatz durch zusätzliche Kredite um weitere 3 bis 4 Dollar. Das bedeutete, dass bereits geringe Kursbewegungen einzelner Aktien erhebliche Auswirkungen auf die Performance des Fonds hatten. Als sich die Anlegerstimmung im KI-Sektor im Sommer 2026 wandelte, nachdem günstigere Open-Source-Modelle aus China für Verunsicherung gesorgt hatten, begannen die Kreditgeber, ihr Engagement im Fonds genauer zu prüfen.
Einige Jahre zuvor schoss Cathie Woods ARK Innovation ETF im Jahr 2020 um 153 % in die Höhe. Die außergewöhnliche Entwicklung trug dazu bei, dass ihr Unternehmen bis zum Jahresende rund 20 Milliarden Dollar an frischem Kapital bekam.
Ende 1999 gründete der damals 29-jährige Ryan Jacob den Jacob Internet Fund. Angelockt von der Jahresrendite von 216 % seines vorherigen Fonds, investierten Anleger in den ersten Wochen des Jahres 2000 fast 300 Millionen Dollar in den neuen Fonds.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist auch der Hedgefonds Long-Term Capital Management, besser bekannt als LTCM. Ende der 1990er-Jahre galt der Fonds als die vielleicht brillanteste Ansammlung von Intelligenz, die die Wall Street jemals gesehen hatte. Die Nobelpreisträger Myron S. Scholes und Robert C. Merton, beide Wegbereiter der modernen Finanzmathematik, entwickelten gemeinsam mit einigen der klügsten Händler der Welt hochkomplexe Modelle, mit denen sich scheinbar risikolos Geld verdienen lassen sollte. Für damalige Verhältnisse sammelten sie die enorme Summe von mehr als 4 Milliarden US-Dollar für den vermeintlich risikolosen Hedge-Fonds ein.
Benjamin Graham warnte in seinem Klassiker „Der intelligente Investor“, Kapitel 9 („Investing in Investment Funds“) ganz im Sinne des französischen Sprichworts „Plus ça change, plus c’est la même chose„ („Je mehr sich ändert, desto mehr bleibt alles beim Alten“):
Schlaue, energiegeladene Menschen – meist recht jung – versprechen seit jeher, mit „fremdem Geld“ Wunder zu vollbringen. Eine Zeit lang gelingt ihnen das in der Regel auch – oder zumindest scheint es so –, doch am Ende führen sie zu Verlusten für alle.
Und so war es und so ging es mit den Beispielen von oben weiter. Aschenbrenners Fonds verlor im Juli 2026 67 %. ARK Innovation liegt seit Ende 2020, nach einem fulminanten Anstieg während des Corona Lock-Downs, jährlich durchschnittlich fast 20 Prozentpunkte hinter dem S&P 500 beziehungsweise dem MSCI World zurück. Der Jacob Internet Fund verlor 2000 70 % und 2001 weitere 56 % – und liegt seit seiner Auflegung jährlich fast 7 % hinter dem S&P 500 oder MSCI World zurück. Aber selbst die Nobelpreisträger konnten die Märkte nicht kontrollieren. LTCM verlor innerhalb weniger Wochen Milliarden und brachte sogar das globale Finanzsystem an den Rand einer Krise. Die US-Notenbank rund um Greenspan musste letztendlich eingreifen, um eine Kettenreaktion zu verhindern.
Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen, und die zugrunde liegenden Ansätze weisen häufig ein erstaunlich ähnliches Muster auf: Smarte Ideen haben ihre Zeit. Denn während diese Erfolgsgeschichten scheiterten, nahm vor fast genau 50 Jahren, am 31. August 1976, auch die Geschichte eines vermeintlichen Misserfolgs ihren Anfang: Die Auflegung des Vanguard 500 Index Fund, eines passiv verwalteten Fonds auf den S&P 500, durch Vanguard-Gründer John C. „Jack“ Bogle. Unter dem ursprünglichen Namen „First Index Investment Trust“ gilt der Fonds als der weltweit erste öffentlich zugängliche Indexfonds. Die ersten Anleger waren eine kleine Gruppe von Investoren, die im Rahmen des ersten Zeichnungsangebots im Sommer 1976 Geld bereitstellten. Der Start war ein absoluter Fehlschlag. Es sollten 50 bis 150 Millionen Dollar eingesammelt werden, um alle 500 Aktien des S&P 500 erwerben zu können. Tatsächlich kamen lediglich 11 Millionen US-Dollar zusammen. Diese Summe reichte bereits damals nicht aus, um alle 500 Aktien des Index physisch zu erwerben. Doch was zunächst wie ein Misserfolg aussah, sollte sich als Beginn einer Erfolgsgeschichte erweisen, trotz einer eher unspektakulären Idee.
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