07. März 2026

Teurer Boom: Rekord-Einnahmen und beschädigte Infrastruktur der „Big Oil Majors“ am Persischen Golf

Die Eskalation im Nahen Osten hat den Rohölpreis zeitweise auf über 100 USD pro Barrel getrieben. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht von der „größten Herausforderung für die globale Energiesicherheit in der Geschichte“. Rund 20 % des Weltverbrauchs sind durch die Blockade der Straße von Hormus gefährdet. Die Aktienkurse der Ölmultis haben stark zugelegt, doch hinter der Kurs-Rallye verbirgt sich für Ölgiganten wie Exxon Mobil, Shell und TotalEnergies ein operatives Paradoxon.

Besonders hart getroffen vom Iran Krieg wurde die Pearl-GTL-Anlage in Katar, ein technisches Prestigeprojekt von Shell und dem katarischen Staat. Die Anlage wandelt Erdgas in hochwertiges Flüssiggas um (Gas-to-Liquids). Das Resultat, Pearl GTL, ist ein extrem sauberer, schwefelfreier Diesel und Kerosin. Er gilt als der ‚sauberste‘ fossile Kraftstoff der Welt, aber er ist kein ‚grüner‘ Kraftstoff. Er löst das Problem der lokalen Luftverschmutzung (Ruß/Stickoxide), aber er löst nicht das Problem der globalen Erwärmung. Viele Fluggesellschaften und Reedereien nutzen diesen Kraftstoff, um Emissionsziele zu erreichen. In der Luftfahrt reduziert der rußfreie GTL-Brand die klimaschädlichen Kondensstreifen massiv. In der Schifffahrt rettet es Reedereien vor strengen Grenzwerten für Schwefel und Stickoxide. GTL löst nicht das Problem der fossilen Herkunft, aber es lindert die akuten Symptome der Verschmutzung während des Fluges oder der Schifffahrt. Iranische Raketeneinschläge haben eine von zwei Produktionslinien zerstört. Während Shell offiziell von mindestens einem Jahr Stillstand spricht, prognostiziert der staatliche Partner QatarEnergy für den gesamten Komplex eine Reparaturdauer von 3 bis 5 Jahren. Wenn Pearl GTL ausfällt, bricht fast die Hälfte dieses hochwertigen Treibstoffmarktes weg. Mit einer Investitionssumme von 20 Milliarden US-Dollar stemmte Shell den Bau im Alleingang. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung galt der Komplex als das teuerste private Energieprojekt der Weltgeschichte. Da Shell keine Anteile am Gasfeld hält, sondern nur an der Veredelung verdient, bricht nun die Marge eines ihrer profitabelsten Einzel-Assets weg. Analysten von Goldman Sachs schätzen das jährliche Risiko für Shell auf bis zu 2,5 Milliarden USD. Für den Staat Katar fallen jährliche Exporteinnahmen von 20 Milliarden USD bei einem Bruttoinlandsprodukt von ungefähr 240 Milliarden USD vorerst einmal weg. Als Stoßdämpfer für Katar dient das Staatsfonds-Vermögen (QIA) von rund 580 Milliarden USD.

Während Shell ein prestigeträchtiges Spezialprojekt verliert, trifft es Exxon Mobil im Kern seiner Konzernstrategie „Katar-Gas“. Exxon ist rein volumenmäßig der am stärksten in Katar engagierte westliche Akteur. Exxon setzt massiv auf LNG (Flüssigerdgas) als „Brückentechnologie“ der Energiewende, da Gas bei der Stromerzeugung rund 50 % weniger CO₂ verursacht als Kohle. Als Hauptpartner beim Ausbau des riesigen North Fields und Betreiber der Export-Terminals in Ras Laffan verzeichnet Exxon mit 5 Milliarden USD den größten privaten jährlichen Umsatzverlust aller westlichen Firmen.  Eine vollständige Instandsetzung der beschädigten LNG-Infrastruktur wird laut Konzernangaben ebenfalls bis zu fünf Jahre dauern.

Der französische Gigant TotalEnergies ist zwar bisher nicht von direkten Raketentreffern an eigenen Großanlagen betroffen, leidet aber massiv unter der geografischen Lage seiner Assets. Anlagen in den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Förderungen im Irak und Katar wurden vorsorglich stillgelegt. Mitte März 2026 meldete der Konzern einen kriegsbedingten Produktionsrückgang von 15 %. Laut Goldman Sachs hängen 17 % des jährlichen Betriebsergebnisses (Operating Income) direkt von Projekten ab, die hinter der blockierten Straße von Hormus „feststecken“. Dies entspricht einem jährlichen Risiko von über 3 Milliarden USD basierend auf den letzten Ergebnissen.

Auch Chevron musste aufgrund der Raketengefahr Assets präventiv abschalten. Das Unternehmen verfolgt eine andere Vernetzung als die Konkurrenz unter den Majors. Chevrons Risiko liegt nicht in Katar, sondern vor der Küste Israels (Leviathan- & Tamar-Felder). In der „Neutralen Zone“ zwischen Saudi-Arabien und Kuwait betreibt Chevron das Wafra-Feld. Da Chevron jedoch weniger stark am „Hormus-Nadelöhr“ hängt als seine Konkurrenten, profitiert der Konzern massiv vom hohen Weltmarktpreis durch seine Produktion in den USA und Kasachstan.

Trotz dieser physischen Zerstörungen und blockierten Lieferwege reagieren die Aktienkurse der Ölunternehmen vorerst positiv: ExxonMobil, Shell und TotalEnergies stiegen zuletzt deutlich an. Die faktische Schließung der Straße von Hormus hat eine künstliche Verknappung erzeugt, die den Ölpreis treibt. Dieser Preissprung gleicht die Produktionsverluste kurzfristig mehr als aus, da die verbleibenden globalen Kapazitäten zu Rekordmargen verkauft werden können.

Joachim Waltl
Aktienfondsmanagement
Joachim Waltl

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