Blog

09. Juli 2026

Wenn der Greenspan-Put ausfällt, könnte Europa glänzen

Der ehemalige US-Notenbankchef (Fed) Alan Greenspan verstarb im Juni 2026 im Alter von 100 Jahren. In seiner langen und prägenden Laufbahn als Chef der US-Notenbank diente Alan Greenspan unter insgesamt vier US-Präsidenten. Er hinterlässt den Aktienmärkten ein legendäres Erbe: den sogenannten „Greenspan-Put“.

Dieser Mechanismus, der später als „Fed-Put“ bekannt wurde, war jahrzehntelang eine Art inoffizielle Versicherung für die Wall Street. Drohte ein Börsencrash, griff die Federal Reserve (Fed) rettend ein, da fallende Aktienkurse den Konsum in Amerika und damit die wirtschaftlichen Ziele der Notenbank gefährdeten. Heute, in einer Zeit von stark gestiegenen KI-Aktien, stellt sich erneut die Frage: Können sich die Märkte noch auf dieses Sicherheitsnetz verlassen?

Drei Jahrzehnte lang funktionierte die Strategie des Fed-Puts hervorragend. Alles begann mit dem „Black Monday“ 1987, als der amerikanische Aktienindex S&P 500 an nur einem Tag um 20 % einbrach und Greenspan umgehend Liquidität bereitstellte und die Zinsen senkte. Auch beim Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 eilte die Fed den Märkten mit Zinssenkungen zur Hilfe. Wie stark dieses Sicherheitsnetz ausgeprägt war, zeigte sich ebenfalls während der globalen Finanzkrise der Jahre 2007 bis 2009, als die US-Fed erneut stützend eingriff.

Diese Erwartungshaltung der Aktionäre könnte heute jedoch problematisch sein, da die Notenbank aufgrund der Inflation weniger bereit ist, mit Zinssenkungen zur Rettung zu eilen. Die Rückkehr der Inflation nach der globalen Pandemie hat die Spielregeln verändert. Da die Inflation zuletzt im Februar 2021 unter der Zielmarke von 2 % lag, ist die Fed heute wieder primär auf die Inflationsbekämpfung fokussiert. Das bedeutet: Der „Fed-Put“ dürfte derzeit auf Eis gelegt sein. Als die Aktienkurse im Jahr 2022 massiv einbrachen und weltweite Aktienindizes ein Viertel ihres Wertes verloren, erhöhte die Fed die Zinsen unbeeindruckt noch neun weitere Monate lang. Es wird sich weisen, ob selbst ein erneuter Markteinbruch von 20 % ausreichen würde, um die Notenbank heute zu schnellen Zinssenkungen zu bewegen. Jedenfalls würde ein Fehlen dieses doppelten Sicherheitsnetzes des doppelten Bodens, Zinssenkungen und Notenpresse, auf einen Aktienmarkt, bei dem Technologie- und KI-Werte stark gestiegen sind, treffen. Darüber hinaus hat die Überkonzentration der USA, insbesondere Technologie-Aktien, bereits historische Ausmaße erreicht: nicht ganz 50 % des S&P 500 entfielen per Juni auf nur zwei Sektoren – Technologie und Kommunikation –, wobei allein Nvidia fast 8 % des amerikanischen Index beziehungsweise 5,5 % in einem internationalen Aktienindex ausmacht. Wer angesichts dieser extremen Konzentration und Bewertung auf den rettenden Fed-Put hofft, könnte bei schlecht diversifizierten Indizes diesmal enttäuscht werden.

Die „Alte Welt“ als neuer sicherer Hafen?

Dagegen könnten in Europa, das oft als „Alte Welt“ mit Problemen wie einer alternden Bevölkerung, starker Bürokratie und Abhängigkeit von importierter Energie gilt, genau diese niedrigen Erwartungen Raum für positive Überraschungen führen.

Europäische Aktien locken mit relativen Vorteilen, die zur beschriebenen sowie potenziellen Marktlage passen: Der europäische Markt wird mit deutlich günstigeren Bewertungskennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) oder dem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) gehandelt – allerdings auch bei deutlich niedrigeren Gewinnerwartungen aufgrund der fehlenden KI-Schwergewichte. Technologieaktien machen in Europa nur etwa 10 % des Index aus. Stattdessen dominieren grundsolide Sektoren wie Finanzen, Industrie und Gesundheitswesen. Während die Dividendenrendite im S&P 500 auf magere 1,1 % gesunken ist, bieten europäische Aktien fast 3 % (STOXX Europe 600). Diese höheren Ausschüttungen bilden einen wertvollen Puffer, falls die großen KI-Erwartungen enttäuscht werden. Zudem arbeiten viele europäische Unternehmen derzeit mit beispiellosem Nachdruck daran, ihre operativen Abläufe zu verbessern und effizienter zu werden.

Sollten amerikanisch dominierende KI-Werte korrigieren, könnten europäische Aktien diesmal als rettender „Hafen im Sturm“ dienen. In einer Welt, in der sich Anleger nicht mehr blind darauf verlassen können und sollten, dass die Zentralbank sie vor den Folgen eigener Risikofreude bewahrt, ist eine klassische breite Diversifikation von Vermögenswerten, die sich unabhängig voneinander bewegen, wieder wichtiger denn je.

 

Joachim Waltl
Aktienfondsmanagement
Joachim Waltl

Risikohinweis

Die Security BLOGS stellen lediglich die persönliche Meinung des Verfassers im Erstellungszeitpunkt und daher nicht die Meinung des Medieninhabers dar. Eine Haftung für diese Aussagen kann vom Medieninhaber ausdrücklich nicht übernommen werden. Bitte informieren Sie sich in den gesetzlichen Verkaufsunterlagen (wie den Prospekt, das Basisinformationsblatt, kurz „BIB“), bevor Sie eine endgültige Anlageentscheidung treffen. Der Prospekt sowie das Basisinformationsblatt sind in der jeweils gültigen Fassung auf der Website www.securitykag.at unter der Rubrik „Alle Fonds“ durch Auswahl des jeweiligen Fonds abrufbar.

Weitere Informationen

Weitere Artikel des Autoren

Blog
30. März 2026

Teurer Boom: Rekord-Einnahmen und beschädigte Infrastruktur der „Big Oil Majors“ am Persischen Golf

Die Eskalation im Nahen Osten treibt zwar durch Angebotsverknappung die Gewinne und …

Blog
15. Jan. 2026

Investment Faktor "Qualität": Wenn Indizes trotz gleichen Themas unterschiedliche Sprachen sprechen

Gleiche Idee, völlig anderes Ergebnis: Der Faktor „Qualität“ zeigt, wie stark Index …

Blog
27. Nov. 2025

KI-Investitionsboom der US-Techkonzerne stößt laut EZB auf steigende Bewertungsrisiken

Während Nvidia von Quartal zu Quartal neue Rekordzahlen liefert und rasante Wachstumszahlen  …

Blog
11. Aug. 2025

„As Accurate as Possible“

Für Investoren spielt die Qualität von Wirtschaftsdaten eine zentrale Rolle – sie …

Mit
Sicherheit
faktenbasiert.

Diese Website richtet sich primär an institutionelle öster­reichische Inves­toren und dient aus­schließlich zur Information unserer Anleger. Die Infor­mationen auf unserer Web­seite stellen kein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Finanz­instru­menten oder für eine Anlage­beratung dar. Trotz Bemühungen unserer­seits, die Inhalte weitest­gehend für alle Ziel­­gruppen aufzu­bereiten, können sich Inhalte auf der Web­site befinden, die nicht für private Anleger geeignet sind.
Sollten Sie als Privat­­anleger weiter­führende Informationen benötigen, wenden Sie sich bitte an Ihren Berater.
Alle unsere Fonds sind in Österreich zum Vertrieb zugelassen. Jene Fonds, die auch zusätzlich in Deut­sch­land zuge­lassen sind, finden Sie unter Fonds Deutschland.

Bitte informieren Sie sich in den gesetzlichen Verkaufs­unterlagen, (wie den Prospekt, das Basis­informationsblatt, kurz „BIB“), bevor Sie eine end­gültige Anlage­entschei­dung treffen. Jede Kapitalanlage ist mit Risiken verbunden; ausführliche Informationen zu den Risiken finden Sie im aktuellen Prospekt. Der Prospekt sowie das Basisinformationsblatt sind in der jeweils gültigen Fassung auf der Website www.securitykag.at unter der Rubrik „Alle Fonds“ durch Auswahl des jeweiligen Fonds abrufbar. Des Weiteren finden Sie Informationen in deutscher Sprache zu Anlegerrechten sowie Hinweise zu Chancen und Risiken unter www.securitykag.at/fonds/anlegerinformation. Beachten Sie ferner die allgemeinen Risiko­hinweise unter Risikohinweis sowie die individuellen Risiko­hinweise der Fonds laut Prospekt sowie bei nachhaltigen Fonds unter Nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungen.