
18. Juni 2026
Die Zukunft in den Sternen
Die Geschichte lehrt uns, vorsichtig mit Vorhersagen umzugehen. Dennoch wollen wir heute solch eine wagen: In weniger als drei Wochen, am 6. Juli 2026, werden bis zu 27 Milliarden Dollar in die Aktie einer Firma fließen, deren Bilanz negativ ist und deren Bewertung doch ein Hundertfaches ihrer Einkünfte übersteigt. Zum Vergleich: Das entspricht etwas weniger als den Kosten des Manhattan-Projekts in heutiger Kaufkraft. Dies wird einen Tag markieren, an dem ein feiner Riss im Gewebe des freien Aktienmarktes zu einem unübersehbaren Defekt wird. Die Firma heißt SpaceX, und ihr Höhenflug stützt sich insbesondere auf die Erwartungen und Hoffnungen, die ein großer Teil der Öffentlichkeit in sie und ihren CEO Elon Musk legt. Ob Sie diesen Enthusiasmus teilen oder nicht, ist Ihnen überlassen. In jedem Fall aber sollten Sie der oben gemachten Prophezeiung Beachtung schenken – denn sie stützt sich nicht auf Visionen, sondern auf die pure Mechanik des Finanzmarktes, und sie wird auch Sie betreffen.
Am Anfang dieser Geschichte steht eine kleine Firma, deren ursprüngliches Ziel es war, ein Glashaus mit einigen Pflanzen darin am Mars abzusetzen. Diese Firma ging letzten Freitag an die Börse in einem IPO, der zum größten bisher gesehenen Börsengang werden und ihren Gründer Elon Musk zum ersten Dollar-Billionär der Geschichte machen sollte. Anhand dieser Schlagzeilen stellt sich insbesondere die Frage: Warum? Die Antwort darauf ist vielschichtig und berührt nicht nur die technologischen Versprechungen, die SpaceX für die Zukunft bereithält, sondern auch die in die Jahre gekommene Maschinerie des Aktienmarktes, deren Schwächen hier so offen ausgenutzt werden wie selten zuvor.
Beginnen wollen wir jedoch mit dem Geschäftsmodell an sich, das von Fans des amerikanischen Innovators nicht höher gepriesen werden kann und selbst seinen schärfsten Kritikern einiges an Respekt abverlangt. So hat sich die Firma SpaceX in den zwei Jahrzehnten seit ihrer Entstehung in eine Nische eingenistet, aus der, so scheint es, sie nicht mehr vertrieben werden kann. Im Wesentlichen teilt sich das Geschäft in drei Bereiche: Satelliteninternet unter dem Namen Starlink, KI-Entwicklung unter dem Namen xAI und schließlich die Raumfahrt selbst. Starlink ist dabei bei weitem der rentabelste Bereich und verschafft der Firma nicht nur den Großteil ihres Einkommens, sondern auch immense Macht und Einfluss. So ist Starlink mittlerweile für weit über 50% aller aktiven Satelliten im Erdorbit verantwortlich und spielt eine tragende Rolle in der Bereitstellung kritischer Infrastruktur. Elon Musk persönlich hat in der Hand, ob ukrainische Offiziere mit ihren Truppen oder chinesische Dissidenten mit der Außenwelt kommunizieren können. Seine aktuellen Antworten hierzu sind Ja und Nein, doch hat er schon mehrmals mögliche Richtungswechsel zu beiden Fragen anklingen lassen. Freilich bauen nicht nur staatliche, sondern auch private Akteure in der Zwischenzeit ihre eigenen Satellitenflotten aus, doch die schiere Anzahl, die aus technischen Gesichtspunkten für eine brauchbare Anbindung gegeben sein muss, katapultiert ihn in diesem Rennen weit vor die Konkurrenz.
Das Geschäftsfeld, das wohl am meisten von Hoffnungen und Visionen getragen ist, ist das der Raumfahrt, hat uns Elon Musk doch lange vor allen anderen Bilder von Menschen am Mars in den Kopf gesetzt. Auch in diesem Bereich gibt es gute Gründe, ihm zwar Skepsis aber ebenso Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Seit die NASA im Jahr 2011 das Space Shuttle Programm eingestellt hat, ist SpaceX schließlich nicht nur ein wichtiger und solider Abnehmer von staatlichen Aufträgen, sondern auch die einzige Entität in der westlichen Hemisphäre, die überhaupt die Kompetenz hat, Raketen zu bauen, die Menschen regulär ins Weltall befördern können. Durch die Kürzung von Forschungsgeldern und Fördermitteln wurde so viel Know-How in einer privaten Firma gebündelt, dass es unwahrscheinlich erscheint, dass diese Vormachtstellung in naher Zukunft bröckelt. Es mag sein, dass auch China, Russland, oder andere private Firmen in den nächsten Jahren wesentlich zur Entwicklung der Raumfahrt beitragen werden. Doch klar ist auch: SpaceX sitzt mit am Tisch.
Bleibt nur noch das Stiefkind der drei Geschäftszweige, xAI. Vermutlich aufgrund seiner hohen Verluste in die Firmenstruktur integriert, scheint das Unternehmen wenig zu bieten, das der Mitbewerb nicht besser kann. Einzelne Ankündigungen, wie etwa solarbetriebene Datencenter ins All zu schießen, regen vielleicht zum Träumen an, könnten aber auch kalkuliertes Marketing sein, was uns schließlich zur zweiten Seite dieser Geschichte bringt: der Kalkulation.
Jahrzehntelang war das Narrativ, das den freien Aktienmarkt begleitete, eines des fairen Handels: Firmen könnten Aktien an die Öffentlichkeit verkaufen und hätten somit Zugriff auf die größte Liquiditätsreserve, die es gibt. Im Gegenzug stellten die Anleger jedoch Forderungen an diese: Es gab regulatorische Standards seitens der Behörden wie auch der Börsen, man erwartete sich Stimmrechte, rechtliche Mittel, um bei Fehlverhalten des Managements geschützt zu sein und etliche weitere Sicherheiten im Gegenzug für das eingesetzte Kapital. Der große Bruch setzte schon 2004 ein, als Google an die Börse ging und die mittlerweile gängige Praxis popularisierte, dual-class shares auszugeben, von denen einige wenige an ein höheres Stimmrecht als andere gekoppelt sind – wohl um die Geschäftsführung nicht mit den Meinungen der Anleger zu belästigen.
Die Grenzen des Möglichen wurden seither so weit verschoben, dass SpaceX sich einen ganzen Katalog an Forderungen zusammenstellen konnte, die schließlich unangetastet den Börsengang begleiten konnten, darunter zum Beispiel: Unterschiedliche Stimmrechte, verpflichtende Schiedsgerichtsverfahren, ein Verzicht auf Sammelklagen und schließlich eine initiale Streubesitzquote von lediglich 5%. Während die Nachteile, die sich für Anleger aus den rechtlichen Bedingungen ergeben, evident sind, steht der niedrige Streubesitz mit einem besonders perfiden Mechanismus in Verbindung, der diejenigen, die bereits vor der Öffentlichkeit die Chance hatten, in SpaceX zu investieren – allen voran Musk selbst – nahezu garantiert über Nacht noch reicher machen wird. Dieser Mechanismus bringt uns schließlich zurück an den Anfang und erklärt unsere Prophezeiung: Wenn am 6. Juli 15 Handelstage vergangen sind, so winkt der Firma eine verfrühte Aufnahme in den Nasdaq-100 Index. Damit müssen schlagartig zig physisch replizierende ETFs und Indexfonds den Titel kaufen, um sich keine Replikationsfehler zu erlauben. Durch die geringe Streubesitzquote ist eine mögliche Konsequenz schließlich, dass der Preis nach oben schnellt und dadurch nicht nur aus dem Nichts eine höhere Marktkapitalisierung für SpaceX, sondern auch Verluste für alle anderen großen Tech-Titel erzwungen werden. Schließlich sind Indexfonds meist voll investiert, müssen also das Geld, das zum Kauf neuer Positionen benötigt wird, aus anderen Positionen abziehen, um die finale Gewichtung zu erreichen.
Natürlich ist dies nicht das einzige Szenario. Wie so oft bei Ereignissen, für deren Vorhersage man nicht in die Sterne sehen muss, ist der Effekt möglicherweise bereits eingepreist. So oder so bleibt ein Zugewinn für jene, die bereits Aktien halten, der weder durch fundamentale Werte und ökonomische Intuition noch zwingendermaßen durch vielversprechende Prognosen entsteht, sondern rein der programmierten Mechanik der Finanzmärkte geschuldet ist.
Unser Nachthimmel ist voll von mehrdeutigen und oft fatalen Vorhersagen. Im Juli lässt sich nahe am Horizont besonders gut das Sternbild des Skorpions betrachten, der Orion, einen prahlerischen griechischen Jäger, schließlich mit seinem tödlichen Stich in die Knie zwang. Für die alten Griechen war eine überzogene Hybris praktisch gleichbedeutend mit einem Orakelspruch, der den eigenen Untergang prophezeite. Heute sind wir in dieser Hinsicht vorsichtiger und müssen selbst den übertriebensten Ereignissen zugestehen, dass ihr Ausgang ungewiss ist. Auch was sich tatsächlich am 6. Juli und in den Tagen danach zutragen wird, ist offen, und ob SpaceX die Bewertung verdient, die es hat, steht ohnehin in den Sternen. Bereits jetzt steht jedoch fest: Die Öffentlichkeit der Anleger wird an einem Ereignis teilhaben, für das sie sich nicht entschieden hat und in dessen Verlauf sie – ganz wie in einer griechischen Prophezeiung – allein durch die Mechanik des Marktes an ihr Schicksal gebunden wird. Im Gegensatz zu den griechischen Mythen sind die Börsen jedoch nicht dem Willen wankelmütiger Götter ausgesetzt, sondern können mit stringenter Regulatorik den Verlauf der Geschichte selbst bestimmen. Bleibt nur noch zu hoffen, dass diese Zukunft nicht in den Sternen, sondern bereits in den Arbeitspapieren mancher Behörden steht.
Quellen:
https://www.etf.com/sections/news/spacex-ipo-every-etf-will-hold-spcx-and-when
https://themoneyprinter.substack.com/p/the-spacex-ipo-and-the-end-of-public
https://www.nytimes.com/interactive/2023/07/28/business/starlink.html
https://starlink.com/map?srsltid=AfmBOorwDe_DgYmisv0nZzYTritHGhmD-JPEV-5aWlARJYoQDJmfv3bI
https://www.nytimes.com/live/2026/06/12/business/spacex-ipo-elon-musk
https://www.nasa.gov/humans-in-space/spaceships-and-rockets/commercial-crew-rockets/
https://en.wikipedia.org/wiki/Human_spaceflight_programs#Summary
Risikohinweis
Die Security BLOGS stellen lediglich die persönliche Meinung des Verfassers im Erstellungszeitpunkt und daher nicht die Meinung des Medieninhabers dar. Eine Haftung für diese Aussagen kann vom Medieninhaber ausdrücklich nicht übernommen werden. Bitte informieren Sie sich in den gesetzlichen Verkaufsunterlagen (wie den Prospekt, das Basisinformationsblatt, kurz „BIB“), bevor Sie eine endgültige Anlageentscheidung treffen. Der Prospekt sowie das Basisinformationsblatt sind in der jeweils gültigen Fassung auf der Website www.securitykag.at unter der Rubrik „Alle Fonds“ durch Auswahl des jeweiligen Fonds abrufbar.
Weitere InformationenWeitere Artikel des Autoren
Sicherheit
faktenbasiert.


