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19. März 2026
„Dutch Disease“ – Diese „Krankheit“ kann auch eine Chance sein
Ich möchte diesmal zu einem interessanten wirtschaftlichen Phänomen schreiben, dem sogenannten „Dutch Disease“, das erstmals vom „The Economist“ in den 1970ern so betitelt und beschrieben wurde. Es wird damit grundsätzlich die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes bezeichnet, das einerseits einen Boom von meist Rohstoff- Exporten verzeichnet, bei dem andererseits aber durch die Aufwertung der heimischen Währung eine Schwächung bis zu einem möglichen Niedergang anderer Sektoren einhergeht.
Als Beispiel werden hier die namensgebenden Niederlande genannt: Die Erdölfunde in der Nordsee vor der holländischen Küste Ende der 1950er Jahre und der damit verbundene Anstieg der Ölexporte bescherten dem Land in den folgenden Jahrzehnten einen enormen Zufluss an Devisen und einen Boom der dazugehörigen Rohstoffindustrie. Demgegenüber stand eine massive Krise der restlichen hochentwickelten exportorientierten Industrie. In der Theorie (Modell von W. Max Corden und J. Peter Neary, 1982) wird diese Problematik v.a. auf die Aufwertung der Landeswährung zurückgeführt, die zu einer verringerten Wettbewerbsfähigkeit des verarbeitenden Gewerbes führt: Die zusätzlichen Einnahmen aus den Ölexporten beflügeln zwar zunächst auch die Binnenwirtschaft, sprich den Dienstleistungssektor, doch Abwanderung von Arbeitskräften in die boomenden Sektoren sowie die höheren Exportpreise können die übrigen Industrieunternehmen unter Druck bringen und somit kann langfristig das gesamtwirtschaftliche Wachstumspotenzial eines Landes leiden.
In der neueren Nachbetrachtung werden allerdings die Probleme des Industriesektors der Niederlande der 70er und 80er Jahre weniger auf die Währungsaufwertung als vielmehr auf die verfehlte staatliche Wohlfahrts- und Lohnpolitik zurückgeführt: Der durch gestiegene Lohnnebenkosten sowie die Orientierung der zentralisierten Gehaltsverhandlungen an dem boomenden Sektor der Öl- und Gasindustrie verursachte Lohndruck wirkte sich negativ auf die gesamtwirtschaftliche Profitabilität aus („Demystifying Dutch Disease“, Naoko C. Kojo, 2014).
So einfach ist es also nicht, mit dem Modell, das in weiteren Sinne auch als „Ressourcenfluch“ („Sustaining Development in Mineral Economies; The Resource Curse Thesis“, R. Auty, 1993) bekannt geworden ist: Grundsätzlich kann beobachtet werden, dass Länder mit großen Rohstoffvorkommen und -exporten trotz dieser vielfach mit wirtschaftlicher Stagnation und Instabilität zu kämpfen haben.
Wie bereits angeführt, ist die Aufwertung ein Faktor, der aber noch um mangelnde Diversifikation der Wirtschaft sowie Korruption und bewaffnete Konflikte, v.a. in ressourcenreichen Entwicklungsländern, erweitert werden muss.
In den entwickelten Industrieländern war und ist von vornherein mehr Diversifikation vorhanden und es bestehen meistens ausreichend politische Möglichkeiten, bestimmte, eventuell benachteiligte, Bereiche zu fördern. Dazu kommt noch die grundsätzliche Verschiebung hin zur Dienstleistungswirtschaft sowie die stärkere internationale Vernetzung.
Deshalb ist das Modell des Ressourcenfluchs beispielsweise auf Großbritannien und sein Nordseeöl, Kanada und seine Ölsande sowie Australien und seine mineralischen Rohstoffe nur bedingt anwendbar. So fördert die australische Regierung verstärkt die Weiterverarbeitung von kritischen Mineralien im eigenen Land, um die Wertschöpfungskette zu steigern. Ebenso investiert der norwegische Staatsfonds die nationalen Öleinnahmen weltweit in Aktien, Anleihen und Immobilien, was einen potenziellen Nachteil einer Währungsaufwertung abfedert, und er fördert gezielt Zukunftsbereiche wie nachhaltige Aquakultur, erneuerbare Energien oder Technologie Start-ups. Das norwegische Parlament hat weiters eine „Handlungsregel“ eingeführt, die besagt, dass im Schnitt nur 3 % des Fondsvermögens pro Jahr für den Staatshaushalt entnommen werden sollen. – Auch um für Zeiten NACH dem Ölboom vorzusorgen.
Bei den Entwicklungsländern sieht die Bilanz hingegen durchwachsen aus: Einerseits ist oftmals die Abhängigkeit der gesamten Wirtschaft von einem einzigen oder nur wenigen Rohstoffen gegeben und eine Diversifikation in andere Sektoren (noch/noch immer) nicht vorhanden. Andererseits sorgen instabile politische Verhältnisse und Korruption dafür, dass die Einnahmen aus den Rohstoffexporten nur einer politischen Elite zugutekommen, die die erforderliche Diversifikation z.B. über den Aufbau von Infrastruktur, und somit die Weitergabe des Wohlstands an die Allgemeinheit nicht vornimmt.
Als Negativbeispiel kann Venezuela genannt werden, das trotz der schon seit den 1930er Jahren sprudelnden Einnahmen aus der Erdölförderung aufgrund der einseitigen Ausrichtung und damit verbundenen Abhängigkeit gepaart mit staatlicher Misswirtschaft unter Hyperinflation, massiver Armut und Staatsverschuldung leidet. Ähnliches gilt für Nigeria, Angola und die Demokratische Republik Kongo.
In Ghana und Botswana hingegen wird, angelehnt an den norwegischen Staatsfonds, ein Teil der Einnahmen aus den Rohstoffexporten in staatliche Fonds übergeführt, die gezielt in die Stärkung der bäuerlichen Landwirtschaft und die Entwicklung des Tourismus sowie in das Gesundheits- und Bildungswesen investieren. Diese Länder stehen zwar nach wie vor vor großen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen, die z.T. durch den Klimawandel wieder größer geworden sind, sind aber dennoch ein Beispiel dafür, dass der „Ressourcenfluch“ kein unumgängliches Naturgesetz sein muss.
Wie man sieht, ist- wie bei so vielen Wirtschaftstheorien- auch beim Modell des „Dutch Disease“ bzw. „Ressourcenfluchs“ eine differenzierte Betrachtungsweise der Entwicklung von Ländern mit großen Rohstoffvorkommen nötig. Dennoch kann allgemein festgehalten werden, dass Rohstoffreichtum per se nicht vorteilhaft für die wirtschaftliche Entwicklung sein muss, sondern die Länder in der Regel vor große Herausforderungen stellt, die einer klaren entwicklungspolitischen Strategie, sprich einem „Good Governance“ Ansatz mit einem wohlüberlegten Bündel an verschiedenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen bedürfen, die auch gegen internationale Interessen durchgesetzt werden können. Somit kann sich der Fluch doch noch als Segen erweisen.
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