01. Juli 2026

Risikoprämien sinken, Divergenzen bleiben – Ein konstruktiver Sommerauftakt

In a Nutshell:

  • Geopolitische Entspannung rund um den Iran senkt Risikoaufschläge, Energiepreisdruck und Marktvolatilität.
  • Geldpolitik bleibt divergent: Die EZB erhöht die Zinsen, während die FED unter Kevin Warsh vorerst abwartet.
  • Anleihemärkte stabilisieren sich; Credit- und Emerging-Markets-Anleihen profitieren von sinkenden Risikoprämien.
  • Aktien konsolidieren nach der Rallye, bleiben aber durch solide Gewinne und KI-Investitionen gut unterstützt.
  • Der Ausblick bleibt konstruktiv, mit Fokus auf laufende Erträge, globale Diversifikation und selektive Chancen in Emerging Markets.

Der Juni 2026 stand im Zeichen einer Konsolidierung und Entspannung an den internationalen Finanzmärkten. Die Deeskalation im Konflikt mit dem Iran reduzierte kurzfristig den geopolitisch bedingten Risikoaufschlag, wodurch insbesondere der Druck auf die Energiepreise nachließ und die Volatilitäten an den Kapitalmärkten spürbar zurückgingen. Gleichzeitig blieb das makroökonomische Umfeld von einer anhaltend hohen Divergenz zwischen Europa und den USA geprägt.

Während die Europäische Zentralbank angesichts der erneut leicht angesprungenen Inflation einen weiteren Zinsschritt vollzog, beließ die US-Notenbank ihren Leitzins vorerst unverändert. Die erste Sitzung unter dem neuen FED-Vorsitzenden Kevin Warsh brachte keine wesentlichen Änderungen der geldpolitischen Ausrichtung, bestätigte jedoch den datenabhängigen Kurs der US-Notenbank mit betont weniger Kommunikation, was die künftige Ausrichtung – der Forward Guidance – betrifft. Die zuvor kräftig gestiegenen Anleiherenditen fanden im Berichtsmonat eine vorläufige Stabilisierung.

Konjunkturseitig mehren sich erste Anzeichen einer Bodenbildung im Euroraum. Mehrere Frühindikatoren verbesserten sich gegenüber den Vormonaten und deuten auf eine graduelle Erholung der wirtschaftlichen Aktivität hin. Gleichwohl bleibt die US-Wirtschaft sowohl hinsichtlich des Wachstums als auch in Bezug auf den Arbeitsmarkt und Unternehmensdynamik deutlich robuster.

An den Aktienmärkten dominierte nach der starken Entwicklung der vergangenen Monate eine Phase der Konsolidierung. Die Gewinnentwicklung der Unternehmen bleibt insgesamt solide, wobei insbesondere das Halbleitersegment erneut mit einer außergewöhnlich hohen Ertragsdynamik überzeugte. Insgesamt zeigt sich damit ein Marktumfeld, das kurzfristig an Balance gewonnen hat, dessen strukturelle Herausforderungen jedoch unverändert bestehen.

Anleihenmärkte

An den festverzinslichen Märkten ging es im Juni 2026 deutlich ruhiger einher als in den Vormonaten. Nach dem kräftigen Renditeanstieg seit Jahresbeginn bzw. insbesondere seit Mai setzte nun eine Phase der Konsolidierung ein. Im Zuge der offensichtlichen Rückzugsbemühungen der USA sind nun auch die Energiepreise und damit die Inflations-Erwartungen zurückgekommen. Die Europäische Zentralbank erhöhte ihre Leitzinsen trotz allem und unterstrich damit ihre Entschlossenheit, mit der zentralen Message, dass es ein erneutes Zögern wie in den Jahren 2021-2022 nicht geben wird. Zur Erinnerung: Als die EZB den Leitzinssatz von -0,5% auf 0% p.a. erhöhte, erreichte die Inflation in der Eurozone bereits ein Niveau von über 8%.

Entsprechend bewegten sich die Renditen von Staatsanleihen nur noch in einer engen Bandbreite. Während das kurze Ende eine restriktivere Geldpolitik einpreist, stabilisierten sich die Renditen in den längeren Laufzeitenbereichen. International hat die Steilheit der Zinskurven damit abgenommen – das vordere Ende der Zinsstrukturkurven hat sich zumeist deutlich erhöht, während die Rendite in den längeren Laufzeitenbereichen zurückgekommen ist.

Eine spürbare Verbesserung zeigte sich in den Credit-Segmenten. Die Risikoprämien von Unternehmensanleihen engten sich im Monatsverlauf weiter ein und reflektieren damit nicht nur die robuste Entwicklung der Unternehmen, sondern auch den anhaltend hohen Appetit institutioneller Investoren. Von diesem grundsätzlich positiven Sentiment profitierten ebenso Anleihen der internationalen Schwellenländer. Sinkende geopolitische Risikoprämien, ein weitgehend stabiler US-Dollar und unverändert solide Fundamentaldaten in zahlreichen Emerging Markets führten sowohl bei Hartwährungs- als auch bei Lokalwährungsanleihen zu einer positiven Wertentwicklung. Insgesamt blieb das Niveau von Rendite und Ertragserwartung attraktiv und sorgt damit für eine anhaltend hohe Nachfrage.

Aktienmärkte

Nach der kräftigen Rallye der Vormonate schlugen die wichtigsten Aktienmärkte den Pfad der Konsolidierung ein. Dieses Mal hielten sich europäische Märkte etwas besser als nordamerikanische bzw. Aktien der Schwellenländer. Insbesondere das zuletzt heiß gelaufene Halbleitersegment bremste die Kursdynamik – auch in Taiwan und Süd-Korea, die über sehr große global aufgestellte Unternehmen in diesen Technologiebereichen verfügen. Die Preisentwicklung im Segment der Speicher-Chips bleibt indes beispiellos und leistet einen überbordend positiven Beitrag zur insgesamt überzeugenden Gewinnentwicklung vieler Unternehmen. Dabei profitiert der gesamte Themenbereich der Künstlichen Intelligenz von einer ungebrochen und stark ausgeprägten Investitionsdynamik. Die Ausgaben der großen Technologiekonzerne für den Ausbau von KI-Infrastruktur bleiben auf Rekordniveau und sorgen entlang der gesamten Wertschöpfungskette für außergewöhnlich starkes Umsatz- und Gewinnwachstum.

Ein zunehmend großer Teil der generierten Cash-Flows vieler der bekannten IT-Namen fließt derzeit in den Aufbau der neuen KI-Infrastruktur. Dabei veranlasst die Kombination aus hohen Kursbewertungen und dem gegenwärtig großen Risikoappetit vieler Investoren Google, Oracle & Co sich frisches Geld zu holen. Die Summen sind dabei gigantisch. Google holt sich >80 Mrd. USD für eine Infrastrukturinvestition von knapp 200 Mrd. USD (ungefähr das angepeilte Volumen der gesamten InvestAI-Initiative der EU, die im Vorjahr vorgestellt wurde) – bei Oracle sind es 50 Mrd. USD usw. Parallel dazu holt sich SapceX 75 Mrd. USD und markiert damit das größte IPO der Börsengeschichte. Mit Anthropic bzw. openAI stehen die nächsten Riesen in den Startlöchern – alles natürlich in den USA. Auf dieser Seite des Atlantiks sind die Prioritäten bekanntlich anders gesetzt – wir bleiben konservativ, konzentrieren uns auf den „hoch wertschöpfenden“ Teil der Regulatorik und schicken unsere hart ersparten Nettovermögen in die USA, wo schlussendlich auch ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung verbleibt.

Was derzeit auffällt, ist der Performanceunterschied zwischen den Indexschwergewichten und dem Rest der Blue-Chips. Die luftigen Kurshöhen von Microsoft, Apple, Oracle und Co. – alle wirken im derzeitigen KI-Umfeld eher wie Unternehmen der Old-Economy – konnten zuletzt nicht mehr fortgesetzt werden, was in der materiell besseren Performance gleichgewichteter Investmentansätze zum Ausdruck kommt. Im renommierten US-Aktienindex S&P 500 beläuft sich die Performancedifferenz allein im Juni auf 5%.

Währungen & Edelmetalle

Währungsseitig konnte der US-Dollar zwischenzeitlich auf rd. 1,135 USD/EUR zulegen. Diese Entwicklung läuft für viele Investoren, die mit einer nachhaltigen Abwertung des US-Dollars gerechnet haben, genau in die entgegengesetzte Richtung. Spannend bleibt trotz allem, wie die USA mit dem hohen Re-Finanzierungsbedarf in den nächsten Quartalen umgehen wird. Während ein Einlenken im Zusammenhang mit dem hohen Budgedefizit nicht zu erkennen ist, tendiert die Bilanzsumme der US-FED bereits seit dem Dezember des letzten Jahres wieder nach oben.

Die Konsolidierung der Edelmetallpreise hat sich unterdessen fortgesetzt. Gold ist kurzzeitig unter die Marke von 4tsd USD/Unze und der Silberpreis auf rd. 60 USD/Unze gesunken. Anleger, die sich vom Kursfieber Anfang des Jahres haben anstecken lassen, sitzen nun auf eklatanten Verlusten.

Ausblick

Grundsätzlich bleibt der Ausblick konstruktiv. Laufende Erträge über die Zinsseite sind wieder gegeben, während die Aktienseite von robusten Gewinnentwicklungen der Unternehmen profitiert. Der Konflikt im Iran scheint sich zu beruhigen und die Energiepreise haben ein Niveau erreicht, mit der der globale Wirtschaftsmotor läuft.

Während sich Risikoaufschläge im Bereich der hohen Bonitäten (Staaten etc.) über die letzten Monate nicht wesentlich verändert haben, sind diese bei Unternehmens-anleihen bzw. im Segment der Emerging-Markets wieder deutlich gesunken. In diesem relativen Kontext hat sich die Attraktivität vieler Staatspapiere mit gutem Rating gebessert.

Aktienseitig präferieren wir weiterhin global und breit diversifizierte Portfolios. Ertragsseitig und trotz der materiellen Kursgewinne der letzten Monate bleiben Emerging Markets für uns attraktiv. Konzeptionelle Ansätze wie der der Gleichgewichtung oder der nach Faktoren ausgerichteten und breit diversifizierten Titelselektion sehen wir weiterhin als interessante Alternative zur klassischen Kapitalgewichtung.

Saisonal zieht es die Marktteilnehmer nun zunehmend weg vom Bildschirm und an den Strand. Damit verbunden sind häufig geringere Handelsvolumina und höhere Kursvolatilitäten – dies gilt insbesondere für die Zeit ab dem August – der Juli zählt aus saisonaler Perspektive zu den besseren Aktienmonaten.

Alfred Kober
Vorstand, CIO, Leitung Aktienfondsmanagement
Alfred Kober

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