26. Juni 2026

Österreich, Land der Kompetenzen?

(fehlende?) Digitalisierung und Innovation im universitären Betrieb

Wenn es in der politischen Diskussion um Bildung geht, dann steht das Geld im Vordergrund – derzeit in Österreich gut zu beobachten beim Thema universitäre Bildung und Forschung. Es gibt unbestritten einen kausalen Zusammenhang zwischen Finanzierung, Qualität und Quantität bei Lehr-, Ausbildungs- und Forschungstätigkeit.

Eigentlich ganz einfach, wenn man der folgenden Graphik und den Ausführungen der Universität Wien Glauben schenken möchte (siehe Universität Wien: Universitätsfinanzierung jetzt sichern).

 

Quelle: Universität Wien

In Anbetracht der geplanten Budgetkürzungen sind das düsteren Aussichten. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschlagen. Ist Geld alles? Gibt es vielleicht doch weitere Einflussgrößen auf unser universitäres Bildungssystem, die auch leistbar sind?

Glaubt man dem Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung (siehe https://www.bmfwf.gv.at/wissenschaft/leitthemen/digitalisierung/lehre.html), ist die Digitalisierung von Studium und Lehre ein wesentlicher Zukunftsfaktor. Die Liste an Möglichkeiten, digitalen Mehrwert zu schaffen, ist lang. Als erfolgversprechend werden

  • Lernplattformen (wie etwa Moodle),
  • freie Online-Kurse (wie Massive Open Online Courses = MOOCs),
  • Lehr- und Lernvideos,
  • Online Self-Assessment,
  • PodcastsStudent/Audience Response Systeme,
  • Streaming,
  • Interaktion in Diskussionsforen,
  • E-Books oder auch
  • Lerntools unterstützt durch Künstlicher Intelligenz

genannt. Digitale Lösungen kosten zwar auch Geld, doch sind sie meist hocheffizient skalierbar. Ist das ein sinnvoller Anknüpfungspunkt? Was sagen Studenten dazu?

In Deutschland, so das Bayerische Forschungsinstitut für digitale Transformation (siehe Digitalisierung an Hochschulen weiterhin ausbaufähig | bidt), wünschen sich – bzw. wünschten sich, die Daten stammen aus dem Jahr 2024 – zwei Drittel der befragten Studenten mehr digitale Technologien. Das ist ein klares Indiz, dass an der Effizienzsteigerung durch Digitalisierung etwas dran sein könnte.

Klingt gut, unglücklicherweise wurden den deutschen Universitäten aber im Bereich Digitalisierung keine allzu guten Noten ausgestellt. Ohne belastbare Quellen zu haben – ich fürchte in Österreich sieht das nicht viel besser aus. Führend bei KI-gestütztem Lernen, virtuellem Austausch und vollständig digitalen Verwaltungsprozessen sollen angelsächsische Top-Unis und skandinavische Hochschulen sein.

Doch das „über den Kamm scheren“ von Universitäten einer ganzen Nation greift zu kurz. Auf Fernlehre spezialisierte Universitäten bieten mittlerweile ein erstaunlich hohes Niveau in der digitalen Lehre – auch in Deutschland. Persönliche Erfahrungen zeigen, dass der Verwaltungsaufwand des Studiums im Vergleich zu Präsenzuniversitäten ungleich geringer ist. Das ist ein wesentlicher Zeitfaktor. Zudem erzwingt Fernlehre bessere Qualität in den Lernutensilien. Als Beispiel möchte ich bereitgestellt Unterlagen einer österreichischen Universität (es handelt sich um eine einführende Mathematik-Lehrveranstaltung) mit der inhaltlich entsprechenden Veranstaltung einer Fernuniversität heranziehen. Während der österreichische Student mit 15 Seiten abgespeist wurde, wurden dem Studenten der Fernuniversität mehrere hundert Seiten Basislektüre zur Verfügung gestellt. Noch größer war der Unterschied beim Bereitstellen von Übungsbeispielen. Auch wenn es eine charakterisierende Eigenschaft der Mathematik ist, sehr sparsam und effizient mit Text und Papier umgehen zu können – mit den 15 Seiten kommt die Mehrheit der Studenten nicht weit.

Doch es ist nicht alles schlecht. Einen Digitalisierungsschub bei Präsenzuniversitäten brachte zum Beispiel die COVID-Pandemie. Das ist aber ein klein wenig erschreckend zugleich. Gut ist unbestritten, dass sich nun auch im klassischen Universitätsbetrieb die Relation des zeitlichen Aufwands weg von verwaltungstechnischen und organisatorischen Aufgaben hin zu inhaltlichen Themen verschoben hat. Erschreckend ist, dass es dafür eine Pandemie mit Lockdowns benötigte. Wie sollen Universitäten die Saat für Innovation liefern, wenn sie diese ohne externe Krisen nicht einmal selbst auf die Reihe bringen?

Ein weiteres Thema für mich ist der etwas eigenartige Zugang zu Bildungsabschlüssen. Wer kennt nicht jemanden, der ein Studium bis auf ein, zwei Prüfungen abgeschlossen hat, oder dem nur mehr die Diplomarbeit fehlt. Obwohl ein Großteil der Leistung erbracht wurde – mit dem ECTS-System lässt sich das mittlerweile gut quantifizieren – ist diese weitgehend wertlos. Es fehlt die allgemeine Anerkennung. Besserung hat die Aufteilung eines Studiums in Bachelor und Master gebracht.

Zusätzliches Übel ist die über den inhaltlichen Aspekt hinausgehende gesellschaftliche Anerkennung. Es zählt der Titel, nicht was dahintersteht. Wobei diesbezüglich sogar in Österreich Besserung im Anmarsch zu sein scheint. Ich würde mir wünschen, dass universitäre Programme noch modularer werden und einzelne Pakete noch stärker aus dem Gesamtkonzept eines „vollwertigen Studiums“ treten. Information – teils in hoher Qualität – ist mittlerweile jederzeit und mit geringstem Aufwand verfügbar und damit kein knappes Gut mehr. Es zählt immer stärker die individuelle Problemlösungskompetenz. Wer vorne mitmischen möchte, findet die beste Methode, lernt sie und löst das Problem effizient. Universitäten sollten sich diesen Anforderungen stellen. Wir auch.

 

 

Stefan Winkler
Vorstand
Stefan Winkler

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