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24. März 2023

Vollkasko auf Bankeinlagen

Die Zusammenbrüche der Silicon Valley Bank und der Signature Bank in New York im März 2023 haben die Märkte, insbesondere Bank­aktien, in große Turbu­lenzen gestürzt. Investoren gingen in den Risk-Off Modus und es kam zu einem deutlicher Rücksetzer am Aktien­markt, steigende Spreads an den Kredit­märkten und zu einer Flucht in sichere Staats­anleihen.

Ausgangspunkt der Turbulenzen war eine Änderung der US-Banken-Gesetzgebung im Jahr 2018 in den USA. Fürderhin wurde die Einlagen­grenze einer system­relevanten Bank von 50 Milliarden USD auf 250 Milliarden USD erhöht. Da in etwa die Hälfte der US-Bankeinlagen bei kleineren US-regionalen Banken liegt, waren diese somit keinen strengen regulatorischen Aufsichts­pflichten mehr unterworfen.

Während der Finanzkrise dienten die kleineren Regional­banken, bei denen das Investment­geschäft eine untergeordnete Rolle spielt, vielen Amerikanern als Zufluchtsort. Die folgende Aufstellung zeigt das Ausmaß dieser Entwicklung von US-Banken, im Vergleich mit österreichischen Banken und der Credit Suisse, von 2008 bis 2022 hinsichtlich der Bilanz­summen, Einlagen und Anzahl der Mitarbeiter in drei Abschnitten: Kreditkrise von 2008 – 2010, Quantitative Easing von 2010 bis 2019 und Covid-19 Politik 2019 – 2022.

Tabelle Vergleich Banken

JPMorgan Chase, die größte systemrelevante Bank, ist hinsichtlich der Bilanzsumme ungefähr 17-mal größer als die gescheiterte Silicon Valley Bank. Nach dem Scheitern der Silicon Valley Bank transferierten viele Einleger Geld zu den größten US-Banken. Größe – und auch die damit einher­gehende strengere Regulierung – wurde diesmal – im Gegensatz zur Finanzkrise – in den USA zu einem Vorteil.

Die Bilanz­summe der gescheiterten Silicon Valley Bank stieg von 2008 von 10 Mrd. USD auf 17 Mrd. USD im Jahr 2010, nachdem sich die Einlagen von 7,5 Mrd. auf 14,3 Mrd. fast verdoppelten. Bis zum Zusammen­bruch sollte die Bilanzsumme noch auf 212 Mrd. USD und die Einlagen auf 173,1 Mrd. USD anwachsen. Ihre Bilanz­summe erreichte somit in etwa die Größe einer Raiffeisen International, allerdings hatte die Bank nur ein Fünftel der Mitarbeiter. Bei diesem Wachstum ist es erstaunlich, dass bei den Regulierungs­behörden nicht schon früher die Alarm­glocken klingelten.  Die Bank konnte ob ihrer ursprüng­lichen kleinen Größe und der genannten Gesetzes­änderung unauffällig, wie unter einem Radar, agieren. Dieser massive Einlagen­zufluss während der Pandemie wurde über­wiegend in langlaufende Staats­anleihen, ohne Hedging, angelegt.

Der extreme Zins­anstieg ließ Silicon Valley Unternehmen, die Bankkunden, wie Start-up Firmen oder junge Technologie Unter­nehmen, mangels alternativer Finanzierungs­quellen verstärkt auf ihre Einlagen bei der Silicon Valley Bank zurückgreifen. Damit die Bank für diesen Abzug ausreichende Liquidität hatte, musste sie einen verlustreichen Verkauf der langlaufenden Staats­anleihen vornehmen. Die Staatsanleihen waren gemäß der Bilanzierungs­vorschrift mit „Held-to-Maturity“, halten bis zur Endfälligkeit und Beziehen des jährlichen Kupons als Einnahme­quelle, verbucht. Bei dieser Verbuchungs­logik wird der Marktwert der Anleihe nicht berücksichtigt, da ein Verkauf der Anleihe während der Laufzeit nebensächlich ist und sein sollte. Die Anleihe sollte bis zur Fälligkeit gehalten werden. Grundsätzlich ist ein Bewertungs­verlust zwar immer ein Problem, allerdings führt es normalerweise mit dieser Buchungs­methode zu keinem Banken­zusammenbruch. Die sehr spezielle Ausrichtung der Silicon Valley Bank führte nachgerade zum Ende der Bank.

Aufgrund dieser Sonder­situation ist ein Spill-Over Effekt, eine Übertragung der Probleme auf andere Banken, grundsätzlich eher einmal schwer herzuleiten, gäbe es nicht eine weitere Bank, die ein ähnlich aggressives Geschäfts­modell hatte. Sozusagen eine weitere Sonder­situation. Bis zum Untergang der Silicon Valley Bank schien das größte Bilanzrisiko der kleineren Signature Bank New York ihre stärkere Abhängigkeit von New Yorker Büro-Immobilien zu sein. Darüber hinaus bildeten Krypto Kunden etwa 20 % der Einlagen von der Signature Bank. Auch bei der Signature Bank litten die Vermögens­werte aufgrund steigender Zinsen und führten bei der Liquidation zu Verlusten. Spezialisiert auf Büro-Immobilien­kredite in einem stark steigenden Zinsumfeld und einem vorherrschenden Home-Office Trend, gepaart mit vielen Krypto-Gelder, die als Einlagen dienten, war es dann für die Regionalbank doch zu viel. Sie musste ein paar Tage nach der Silicon Valley Bank aufgefangen werden.

Nach dem Fall der zweiten Bank mussten die US-Behörden tätig werden, bevor ein toxisches Bankenumfeld mit um sich greifenden Konkursen entsteht. Sie versicherten Einlagen fortan unbegrenzt, also Einlagen über 250.000 USD in Amerika, verglichen mit 100.000 EUR in Europa und schufen auch ein neues Hilfspaket für alle Banken. Als Reaktion dieser Programme, die zum Ziel hatten, eine mögliche Panik einzudämmen, gerieten die Finanzmärkte vorerst noch stärker unter Druck. Vom 9. März 2023, als die Aktien der Silicon Valley Bank einbrachen und Sparer ihr Geld massenhaft abzogen, verloren die Aktien der Regionalbanken stark an Wert. Bis ein Konsortium von ameri­kanischen Großbanken, darunter die JP Morgan Bank, am 16. März eine weitere Regionalbank, die First Republic Bank, unterstützen musste, verlor deren Aktienkurs der Regional­bank binnen drei Handelstagen um über 80 %.

Kurs-Chart Regionalbanken

Kurs-Chart Regionalbanken
Quelle: Bloomberg

Die Regionalbankenpanik herrschte erst ein paar Tage in den USA, als am Mittwoch den 15. März 2023, die Nervosität nach Europa übersprang. Der Aktienkurs der Credit Suisse brach ein und am nächsten Tag musste der Bank mit einem Kredit von bis 50 Milliarden CHF von der Schweizer Zentralbank stabilisiert werden. Das Problem: Die Credit Suisse ist eng mit dem globalen Finanz­system integriert, sodass die Aus­wirkungen auf andere Banken sehr schwerwiegend gewesen wären und weitere Fragen zur Gesundheit anderer Groß­banken aufgeworfen hätten. Die Schweiz ist seit Generationen der Inbegriff von integrem Bankenwesen. Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründete Credit Suisse ist nach der UBS das zweitgrößte Institut der Schweiz. In der Schweiz ist sie eine klassische Bank mit vielen Filialen bei denen tägliche klassische Bankgeschäfte durchgeführt werden. Der internationale Arm der Credit Suisse genießt allerdings den Ruf einer gehobenen Privat- und Investment Bank. Jener hat bei der Credit Suisse seit Jahren wegen einer Reihe von Skandalen und finanziellen Verlusten gelitten. Zuletzt im Jahr 2021 als die Credit Suisse bei einem Ausfall des Hedge-Fonds Managers Argos Capital Management annähernd 5 Milliarden USD verlor. Auch frisches Kapital der Saudi National Bank konnte letztlich das Vertrauen in die Credit Suisse nicht wieder herstellen. 2022 haben Kunden aufgrund des anhaltenden Vertrauens­verlusts bereits ungefähr 160 Milliarden CHF an Einlagen abgezogen. Mit dem Zusammen­bruch der Regionalbanken in den USA ging es auch bei der Credit Suisse Schlag auf Schlag. Als der größte Anteilseigner des Schweizer Kreditinstitutes, die Saudi National Bank, in einem Bloomberg-TV Interview sagte, er erwäge aufgrund regulatorischer Vorschriften keine Aufstockung, verloren Anleger ihr Vertrauen in die Bank. Die saudische Nationalbank besitzt 9,9 % der Credit Suisse Group Holding und nach den Richtlinien der Kapital­anforderungen darf sie nicht ohne weiteres mehr als 10 % an anderen Banken halten. Das Timing des Interviews hätte aber nicht schlechter sein können. Sogenannte Credit-Default-Swaps stiegen stark an, gleichzeitig stürzte die Aktie der Credit Suisse ab und die Kurse der Anleihen fielen auf ein beunruhigendes Niveau. Übers Wochenende organisierten die Schweizer Behörden einen Zusammen­schluss von der größten Schweizer Bank, der UBS und der Credit Suisse.

Dank Eingreifen der Behörden zahlt die UBS drei Milliarden CHF in einem All-Shares-Deal für den Kauf der Credit Suisse. Darüber hinaus garantiert der Schweizer Steuerzahler dazu angehalten, für potenzielle Verluste auf Vermögenswerte der Credit Suisse in der Höhe von 9 Milliarden CHF. Zudem bietet die Schweizer Zentralbank 100 Milliarden CHF an Liquiditätshilfen an. So viel zu 13 Jahren Bank­regulierung, die eigentlich nach 2008 verhindern sollte, Banken zu retten, die to-big-to-fail sind.

Joachim Waltl
Aktienfondsmanagement
Joachim Waltl

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